Home | PolitikVorträge | Artikel | Persönliches | Vom Brot Allein | Vardaphoto | Rezepte | Andre Brutmann | Kontakt | sitemap 

 

Journalisten aus feindlichen Lagern

von Ulrich W. Sahm, z.Z. Antalya, Türkei, 17. August 2003

Fotos von Gali Tibbon (Israel, links) und Awad Awad (Palästina, rechts)

(separate Bildershow) 

„Wenn wir uns gegenseitig besser kennen, könnten wir vielleicht eines Tages die Wahrheit veröffentlichen.“  Die Worte der palästinensischen Journalistin Roula Amin bei einem Treffen israelischer und palästinensischer Reporter im neutralen Antalya in der Türkei, stand wie ein Motto im Raum. Die Konrad Adenauer Stiftung hatte jeweils neun Presseleute beider Seiten eingeladen. Illan, ein ehemaliger Oberstleutnant bei der Eliteeinheit „Sajeret Matkal“ war mit „Terror-Bekämpfung“ betraut, ehe er als Zivilist Militärreporter beim israelischen Soldatensender wurde. Seine palästinensischen Kollegen reagierten brüskiert, als er von „Terroristen“ erzählte, deren Versteck in einem Flüchtlingslager in „Judäa und Samarien“ von einer „unschuldigen“ Familie gedeckt wurde. Die verwendeten Begriffe stießen auf Widerspruch, nicht seine Beteiligung an einer Militäraktion als „eingebetteter Journalist“. Abdel Raouf konterte: „Für uns sind das Freiheitskämpfer. Wir haben ein legitimes Recht, uns gegen einmarschierende fremde Besatzungstruppen zu wehren.“ 

Ayman, Direktor eines Fernsehsenders in Ramallah, brüskierte schon bei seiner Vorstellung: „Ich bin in Gaza geboren, stamme von einer aus Jaffo geflüchteten Familie und lebe in Ramallah.“ Der Maariv-Reporter für „palästinensische Angelegenheiten“, ein junger Israeli mit irakischen Vorfahren, war verärgert: „Die Betonung auf der Flucht aus Jaffo beweist, dass die Palästinenser auf ihrem Recht auf Rückkehr bestehen. Niemand redet darüber, dass mein Großvater einer der reichsten Männer des Irak war. Bei seiner Flucht aus Irak wurde alles beschlagnahmt. Er startete in Israel in einem Flüchtlingslager.“

Golan, der Redakteur des Soldatensenders, irritierte mit einem T-Shirt mit der hebräischen Aufschrift „Tel Aviv“. Seine Präsentation über die israelischen Presse trug er auf Hebräisch vor, obwohl er leidlich gut Englisch sprach. Eine arabische Kollegin hatte als Halsschmuck ein Kettchen mit einer Landkarte von „Groß-Palästina“ und dem palästinensischen Wappen gewählt. 

Diese kleinen „Sticheleien“ betrachtete der Konferenz-Leiter, Johannes Gerster, als „unerzogen“. Die Feindseligkeit des Konflikts war nicht nur Thema des Treffens: „ Medien in Krisenzeiten“. Sie war auch im Gepäck mitgebracht worden, als Zeitungsartikel, Bilderserien und Filmausschnitte. Was eine Seite als „Spiegel der Wirklichkeit“ sah, empfand die andere als „Propaganda“ und „Beleidigung“, wie Abdel Raouf der Zeitung El Ayam sagte.

Gleichwohl entstand während der drei Tage in Antalya eine bemerkenswerte Dynamik. Die Journalisten waren professionell genug, um sich über die Dinge zu stellen und nicht nur „Patrioten“ zu sein. Israelis wie Palästinenser haben ihre liebe Not, bei den Sprechern zwischen Wahrheit und Propaganda zu unterscheiden, Zugang zu Informationen zu erhalten oder dem Druck ihrer Regierungen zu widerstehen. 

Die wichtigsten Gespräche fanden nach dem „offiziellen“ Teil statt, beim Abendessen oder an der Bar. Raed aus Bethlehem erzählte, wie sein Onkel von „tausend Kugeln“ durchsiebt wurde, obgleich er mit Genehmigung des israelischen Kommandeurs zum Hospital fuhr. Illan sagte: „Ich kenne den Zwischenfall. Ich war dabei. Das war ein Missverständnis wegen mangelnder Kommunikation.“ Dennoch kam keine schlechte Stimmung auf. Raed lud die Teilnehmer zu einer Eselstour nahe Bethlehem ein, „um die Probleme der palästinensischen Bauern aus eigener Anschauung kennen zu lernen.“ Drori von Maariv erzählte, dass seine Tochter im Laniado Hospital von Natanja in jener Nacht zur Welt kam, als ein Selbstmordattentäter im Park Hotel 29 Menschen tötete.

Die Fotografin Gali gestand, „Nachts nicht schlafen zu können“. Sie hatte gruselige Bilder von Toten mitgebracht, noch in zerfetzten Bussen liegend. „Der Busfahrer sitzt am Steuer und sieht ganz lebendig aus“, kommentierte sie ein Bild. „Aber er war tot“. Ihre Bilder von Begräbnissen und trauernden Menschen wirkten genauso wie Fotos, die ihr palästinensischer Kollege Awad „geschossen“ hatte, auf muslimischen Friedhöfen. In Dschenin waren die Toten in weißen Plastiksäcken aufgereiht, in Jerusalem in schwarzen. 

Der berufstypische Zynismus der Journalisten ließ keine persönliche Animositäten aufkommen und sorgte selbst bei schmerzhaften Themen für erlösende Witze und Lachen. Die Israelis boten Ayman vom Fernsehsender in Ramallah an, seine von der israelischen Armee beschlagnahmten Computer zu suchen. „Sechs Jahre Arbeit sind in ihnen gespeichert“, klagte Ayman ohne erkennbare Schuldzuweisungen.  Raed versprach den Militärreportern Illan und Felix ein Interview mit gesuchten „Terroristen im Untergrund“. Ungläubig meinte Illan: „Die Frage ist nicht, ob Du mir das Interview organisieren kannst, sondern ob ich da auch wieder lebendig rauskomme.“ Raed versicherte, dass „noch keinem Journalisten ein Haar gekrümmt wurde“. Das war in der Pause. Der nächste Vortrag galt jenen Journalisten, die während der Intifada erschossen, von Soldaten bedroht oder von Palästinensern zusammengeschlagen worden waren. 

Zufrieden verbuchte Gerster von der Adenauerstiftung einen winzigen Erfolg bei seinen Bemühungen, Israelis und Palästinenser dem Frieden einen kleinen Schritt näher zu bringen: Alle tauschten Visitenkarten aus und trennten sich von ihren „neuen Freunden“ mit dem Gefühl, „dazugelernt“ zu haben. „Wann haben wir schon die Gelegenheit, mit unseren palästinensischen Kollegen zu reden, ohne dass uns Kugeln um die Ohren fliegen“, meinte Illan. „Wenn was passiert, weiß ich jetzt, wen ich anrufen kann“, sagte Raed. 

 
Google
 

Copyright © 2006 Ulrich W. Sahm. All rights reserved. Designed by TemplateYes | Impressum