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Die Saga des Absalomgrabes

Christliches Heiligtum mit Klo-Papier zum Vorschein gebracht

 „Wie nennt man das?“ wollte die Archäologiestudentin von Joe Zias wissen, einem Jerusalemer Anthropologen. Die Schwarzweiß-Aufnahme zeigte einen Kreis über der steinernen Tür zum Grab des Absalom, dem schönsten und wohl meisterforschten Grabmonument des Heiligen Landes. Es steht seit 2000 Jahren im Jehoschafat-Tal zu Füßen des Tempelberges im Westen und des Ölberges im Osten.

 „Das nennt sich Kranz“, antwortete Zias. Plötzlich stockte ihm der Atem. Über dem Eingang und Kranz bemerkte er ein griechisches Alpha und dann ein Delta. Gab es da etwa eine Inschrift?

 Zias prüfte Pilgerberichte und Stiche aus den letzten Jahrhunderten. Selbst die historischen Aufnahmen des Bonfils, der vor fast 150 Jahren alle Monumente des Heiligen Landes mit seiner Kamera dokumentierte, brachten keine Inschrift zum Vorschein.

 Zias begab sich zu dem 3000 Jahre alten jüdischen Friedhof und beobachtete das in den Felsen gehaune Grabmal bei aufgehender Sonne und im Abendlicht, im Winter und im Sommer. „Vor wenigen Jahren wurde das Grabmal gründlich renoviert und erneut von Forschern untersucht. Die sahen nichts, weil sie nachmittags um drei Feierabend machten“, erzählt Zias. „Die Spuren der Inschrift sind nur im Sommer bei untergehender Sonne zu erkennen.“

 „Yad Absalom“, Denkmal des Absalom, wie es die Juden seit Jahrhunderten nennen, wurde von einem sehr reichen aber namentlich unbekannten Hohen Priester des Tempels errichtet, ungefähr zu Lebzeiten Jesu. Der mit ionischen Säulen verzierte Unterbau wurde in den Felsen geschlagen. Darüber erhob sich im damals modischen ägyptischen Stil eine runde Pyramide, gekrönt von einer steinernen Lotusblüte. Ähnliche Grabanlagen im „ägyptischen Stil“ hatten die Nabatäer im jordanischen Petra in den roten Fels geschlagen.

 In der Nachbarschaft stehen weitere Felsbauten. Ein Grabtempel gehörte laut hebräischer Inschrift der Priesterfamilie Ben Chezir. Dann gibt es das Zacharias-Grab mit einer Pyramide als Dach. Dieser Zacharias war vermutlich ein reicher Mann, dem bei einem Schauprozess keine Schuld nachgewiesen werden konnte. Er wurde kurzerhand von den Zinnen des Tempels heruntergeworfen. Oder war er vielleicht doch der Vater von Johannes des Täufers? Legenden vermischten sich mit historischen Angaben des Historikers Josephus Flavius. Unter dem Zacharias-Grab schlugen die Armenier im vierten Jahrhundert eine Höhle in den Felsen und richteten eine Kapelle ein. Sie wurde erst im vorigen Jahrhundert wiederentdeckt, nachdem der Archäologe John Allegro hunderte jüdische Gräber und Schuttberge weggeräumt hatte.

 Das Absalomgrab wurde schon früh dem meuternden Sohn des Königs David zugeschrieben. Jahrhunderte lang bewarfen nicht nur Juden das Grabmal mit Steinen. „Die Intifada hat bei Jerusalemer Christen, Moslems und Juden alte Tradition“ mokiert sich Joe Zias.  Die Steine schlugen auf den geschliffenen Putz des Bauwerks. Mit der Zeit war auch die Inschrift über dem Eingang, durch den byzantinische Mönche ins Innere gelangten, nur noch eine pockennarbige Fläche.

 Zias ließ von Palästinensern ein klappriges Holzgerüst errichten, um mit Latex, wie es Zahnärzte für den Abdruck eines menschlichen Gebisses verwenden, eine exakte Kopie der Fläche zu machen. Zur gleichen Zeit, im September 2002, sorgte eine andere archäologische „Entdeckung“ für helle Aufregung in der christlichen Welt. Bei dem damals noch anonymen Tel Aviver Antiquitätensammler, Oded Golan, war ein 2000 Jahre altes Ossuarium mit der Aufschrift „Jakob, Sohn des Josef und Bruder des Jesus“ aufgetaucht.  Die internationale Presse jubelte: „Erster physischer Beweis für die Existenz Jesu, in Stein gehauen.“

 In der von messianischem Geist ergriffenen Epoche Jesu hatten Jerusalems Juden eine neue „Begräbnis-Mode“ erfunden. Die Toten wurden in Felshöhlen auf steinerne „Bahren“ gelegt. Nach einem Jahr wurden deren trockene Knochen eingesammelt und in kommerziell hergestellte steinerne Knochenkästen (Ossuarien) gelegt. Bei der „Auferstehung der Toten“ sollten sie beieinander sein. Auf die schlichten oder auch wunderschön mit grafischen Ornamenten geschmückten Kästen wurde im Nachhinein der Name des Verblichenen geritzt oder gekritzelt. Allein dank dieser Grabkästen sind tausende jüdische Namen aus der Zeit Jesu bekannt. Statistiker haben errechnet, dass Jakob, Josef, Jesus und Maria so populär waren wie Fritz und Hans in Deutschland.

 Die Felskammern, in denen die Toten um Verwesen aufgebahrt wurden, gehörten reichen Familien. Sie wurden mit einem runden Mühlstein verschlossen, blieben also zugänglich. Gemäß dem jüdischen Religionsgesetze musste drei Tage nach der eiligen „Beerdigung“ nachgeschaut werden, ob der Tote noch da war. Er hätte ja auch scheintot sein können. Da aber Frauen das „Verschwinden“ des Leichnams Jesu drei Tage nach der Kreuzigung bemerkten, galt deren Aussage als „nicht glaubwürdig“. Das jüdische Recht lässt nur Männer als Zeugen zu.

 Das Ossuarium des Jakob, Gründer der christlichen Gemeinde in Jerusalem und Herrenbruder Jesu, wurde im Dezember nach Toronto zu einer Sonderausstellung geschickt. Es zerbrach auf dem Weg. Im Februar kam das mit einer Million Dollar versicherte kostbare Stück zurück nach Israel und wurde von der Polizei beschlagnahmt. Eine 14-köpfige Forscherkommission der Altertümerbehörde prüfte die Patina in den Buchstaben und die Form der Lettern. Nach neunzig Tagen kamen die Forscher zum einstimmigen Ergebnis: Der Knochenkasten sei echt und 2000 Jahre alt, nicht aber die im Nachhinein eingeritzte Inschrift. Die künstlich hergestellte Patina in den Buchstaben sei Temperaturen ausgesetzt gewesen, die es in der Natur „in den letzten zweitausend Jahren nicht gegeben“ habe.

Die drei Namen, in drei unterschiedlichen Schriftstilen geschrieben, waren von drei Ossuarien abkopiert worden, wie sie in wissenschaftlichen Veröffentlichungen abgebildet sind. Oded Golan wurde verhaftet und steht im Verdacht, Antiquitätenfälscher mit Millionenumsatz zu sein. Das „kostbare“ Ossuarium entdeckte die Polizei bei ihrer Hausdurchsuchung auf dem Klo der Dachwohnung Golans. Gleichwohl kämpfen Filmemacher und Geschäftsleute weiter für die „Echtheit“ des Ossuariums und rechnen mit Millionenumsätzen. Bei einem öffentlichen Auftritt von Oded Golan mit angesehenen Archäologen in der Jerusalemer Cinemathek war kein Platz frei geblieben. Die kulturelle Veranstaltung artete in hitzige Diskussionen mit gegenseitigen Beschimpfungen aus. Zum Auftakt zeigte der kanadische Filmregisseur Simcha Jacobovici seinen Film über den „genialsten Fälscher der Welt, oder den Besitzer des sensationellsten archäologischen Fundes seit 2000 Jahren“. Wie ein Sektengründer wies Jacobovici kritische Fragen zurück: „Zwei Milliarden Christen glauben an die Echtheit des Fundes“

 Der Regisseur verwies auf die armenische Tradition, wonach die Reliquien des Herrenbruders nach seinem Märtyrertod im Absalomsgrab beilegt worden seien. Erst während der muslimischen Eroberungszüge sei der Knochenkasten in die Sicherheit der „St. James Kathedrale“ in der Altstadt Jerusalems gebracht worden.

 Während Golan Schlagzeilen machte, brachte Zias den Latex-Abdruck in die Ecole Biblique in Jerusalem zum Paläographen Emile Puech. Erst rubbelten sie den Abdruck mit Filterpapier ab, wie es britische Jugendliche auf Gräbern in englischen Kirchen tun. Dann rieben sie mit roter Kreide die Erhöhungen. Schließlich stopften sie mit gefärbtem Klopapier die millimetertiefen Kerben und Löcher. „Je primitiver unsere Methoden waren, desto eher kam die komplette Inschrift zum Vorschein“, erzählt Zias. Am Ende konnte Puech die 47 Buchstaben  auf 1,2 Metern Länge entziffern: „Dies ist das Grabmal von Zacharias des Märtyrers, dem frommen Priester, Vater des Johannes.“

 Gemäß dem Reisebericht des „Pilgers von Bordeaux“ aus dem Jahr 333 waren der Herrenbruder Jakob, Simon und Zacharias, Vater von Johannes des Täufers, zusammen begraben. Wie die jetzt „in situ“ entdeckte Inschrift beweist, verehrten Christen im vierten Jahrhundert ausgerechnet das „Grab des Absalom“ als Ruhestätte der ersten christlichen Märtyrer. Und wenn er echt wäre, hätte dort auch der mutmaßlich gefälschte Knochenkasten des Oded Golan seinen Ursprung gehabt. Die Inschrift über dem „Kranz“ am Eingangsloch des Absalomgrabes ist zweifelsfrei echt. Deshalb überlegt man schon in der Jerusalemer Stadtverwaltung, das traditionell jüdische „Heiligtum“ des gesteinigten Verräters Absalom nach über 1600 Jahren wieder offiziell als „christliches Heiligtum“ anzuerkennen.

 

 

 

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Last updated: 01.06.2011
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