In Arafats belagerter Mukata
Zwei Stunden lang ist das Kanonenrohr eines uralten aber mit modernem Aufbau
ausgerüsteten Sherman-Panzers auf die gepanzerten Limousinen der deutschen
Repräsentanz gerichtet. In dem Mercedes mit dem deutschen Stander am Kotflügel
sitzen neben dem "Botschafter" bei Arafats Autonomiebehörde, Andreas Reinecke,
auch die Bundestagsabgeordneten Sterzing und Kerstin Müller (Grüne). Den ebenso
gepanzerten Mercedes-Jeep steuert Michael Ohnmacht von der Repräsentanz. Vier
Journalisten sind eingeladen worden, als "Delegationsmitglieder" in Arafats
belagertes Hauptquartier "geschmuggelt" zu werden.
Die Visite war schon am Tag zuvor angekündigt worden. Aber die jungen israelischen
Soldaten in dem quer zur Straße gestellten Truppentransporter waren über die
Gäste nicht informiert worden. Erst richten sie ihr Maschinengewehr auf die
deutschen Diplomaten, doch die Stimmung lockert sich, sowie per Handy gerufene
Offiziere und Geheimdienstleute in Khaki-grünen oder weißen Jeeps herbeiströmen,
während die israelischen Ministerien und Militärstellen im Nachhinein den
Besuch koordinierten. Endlich geht es über die von Panzerketten aufgewühlte
ehemalige Straße in Richtung Arafats Hauptquartier. Eine dichte Staubwolke
hüllt die blitzblanken Limousinen ein. In fünf Metern Entfernung ist wie im
Nebel nur noch das Blinklicht des führenden Jeeps zu erkennen, während am
Straßenrand plattgewalzte und aufgetürmte Autowrackes wie abstrakte Skulpturen
wirkten. Neben einem Panzer und vor dem Stacheldrahtverhau parken die Limousinen.
Was von dem Hauptquartier Arafats noch übrig geblieben ist, zeigt Spuren
von Schüssen. Wo israelische Soldaten hinter Sandsäcken sitzen, führt ein
riesiges Loch, das wohl eine Panzergranate geschlagen hatte, in das Gebäude.
Wie Farbspritzer wirken die Splitter von Raketen an den Hauswänden. Rund um
die Fenster haben Maschinengewehrsalven kuriose Dekorationen in den Putz geschlagen.
Ein Dutzend Soldaten und Offiziere in Kampfmontur nimmt die Delegation in
Empfang. Sie beraten, ob eine zuvor eingereichte Namensliste anhand der Pässe
gegengecheckt werden sollte. Bei den Journalisten entsteht Unruhe.
Botschafter
Reinecke sagt den Israelis, das das völlig überflüssig sei, weil er doch alle
"Delegationsmitglieder" bestens kenne. "Um die Prozedur nicht unnötig zu verzögern",
so der im Orient schon gut eingeführte Diplomat, sollte es doch eigentlich
reichen, die Delegierten einfach nur abzuzählen. Die Soldaten haben volles
Verständnis und zählen, während ein Soldat geflissentlich jedes Gesicht der
Deutschen filmt. Während die Soldaten sich hinter einer schützenden Mauer
zurückhalten, darf die kleine Gruppe eine Stacheldrahtrolle beiseite schieben
und zu dem verbarrikadierten Haupteingang schreiten.
Unter dem Übergang, der die beiden noch stehenden Gebäude verbindet, parkt
eine verstaubte Ambulanz. "Von Israel blockiert" hatte jemand auf Englisch
in den Staub auf der Windschutzscheibe gemalt. Geschützt in einer Ecke stehen
zwei schwarze Mercedes Limousinen des Präsidenten Arafat. Unrasierte freundliche
Palästinenser begrüßen die Deutschen, während die Augen von weiteren Männern
hinter den heruntergelassenen Jalousien zu erkennen sind. Im Treppenhaus ist
es völlig finster. Jemand zückte ein Feuerzeug. Auf der steinernen Treppe
ist nur noch schmutziger Klebstoff zu erkennen, der einmal den roten Teppich
hielt. Im zweiten oder dritten Stock brennt Licht in Räumen. Da sitzen gelangweilt
bewaffnete Uniformierte.
Im Sitzungsraum Arafats ist es so finster, dass kaum jemand den nur 1,60
Meter großen Arafat sieht, wie er sich unter die Gäste mischt, um jedem die
Hand zu schütteln. In dem Raum brennte an der Decke nur eine einzige Neonlampe,
sozusagen eine Notleuchte, um den Gästen zu "beweisen", dass die Israelis
dem Präsidenten sogar den Strom verweigern. Doch Arafat gegenüber, am anderen
Ende des Tisches, läuft ein Fernsehgerät, das schnell jemand ausschaltet,
sowie Arafat sich an ein ledernes Lesepult am Ende des Tisches niedersetzt.
Vor ihm steht ein umgedrehtes Wasserglas als Ständer für einen ausgelöschten
Kerzenstummel. Zwei Teller mit Nüssen oder Kernen sind mit einem weißen Papiertaschentuch
abgedeckt. Neben einem rot eingebundenen Koran mit einem Lesezeichen steht
ein braunes Fläschchen mit einem flüssigen Medikament und eine Pillendose.
Das Glas Honig mit der hebräischen Aufschrift "Honig aus Wildblumen" ist auch
nur Tischschmuck des spartanischen Arafat, denn das Papiersiegel war nicht
aufgebrochen. Neben einer Schachtel Tempotaschentüchern, wie sie in jedem
arabisch Haus auf dem Wohnzimmertisch steht, hatte Arafat noch eine Schachtel
"fresh ones" stehen, feuchte Tüchlein, die gemäß der hebräischen Aufschrift
eine "streichelnde Berührung des hyperallergischen Kinder Po" ermöglichen.
Ein junger Palästinenser reicht den Gästen heißen Kaffee in Plastikbechern.
Er sieht dem vor wenigen Tagen in Arafats Mukataa von einem "Militärgericht"
verurteilten Mörder des israelischen Tourismusministers Zeewi auffällig ähnlich.
Arafat begrüßt seine deutschen Gäste und hebt an mit einem fast einstündigen
Monolog. Es habe "sehr viele Massaker gegeben", nicht nur in "Dscheningrad",
wie er lachend über seinen Stralingrad-Vergleich meinte. Er zählt daraufhin
die Namen aller palästinensischen Städte im Westjordanland und im Gazastreifen
auf. Arafat beklagt sich über die Israelis. Alles was sie versprochen hätten,
sei nicht eingehalten worden. "Dabei haben wir doch immer alle Bedingungen
akzeptiert", meint Arafat und zählt alle Waffenstillstandsabkommen von Fischer
über Tenet bis Mitchell auf. Zur Frage von Kerstin Müller zu einer internationalen
Konferenz, antwortete Arafat mit einer langen Liste aller Orte, wo doch schon
verhandelt worden sei: Paris, Taba, Scharm A Scheich, Washington. Nur Camp
David kommt nicht vor. Weiter meint Arafat, dass es sinnlos sei, mit den Israelis
zu verhandeln, denn die glauben, eine "Supermacht" zu sein. "Die hören auf
niemanden mehr", sagte Arafat. Er erwähnt ausdrücklich die Europäer, die Russen,
die Chinesen, die Amerikaner und "sogar die UNO". Eine internationale Untersuchungskommission
müsse wohl vom Mond geholt werden, ehe die Israelis bereit seien, sie zu akzeptieren.
Dann geht Arafat dazu über, den israelischen Außenminister Schimon Peres als
"Lügner" zu entlarven. Aus einem hohen Haufen Pressespiegeln in arabischer
Sprache zückte er ein Blatt nach dem anderen und liest den Deutschen auf Arabisch
vor, was die israelische Zeitung Haaretz geschrieben habe und was doch "eindeutig
beweist, dass Peres die Welt belügt". Für Scharons Absicht, die Palästinenser
aus ihrer Heimat zu vertreiben, zückt Arafat einen einschlägigen Artikel des
britischen Guardian. Und zu den israelischen Plänen, weitere Massaker zu verüben,
kommt der Beweis aus der arabischen Übersetzung eines Artikels im Daily Telegraf.
Arafats drei Tage Bart ist schon mindestens eine Woche lang nicht mehr gestutzt
worden und ganz weiß geworden. Seine Haut wirkt durchsichtig wie Pergament.
Seine zitternden Hände sind ganz weiß. An seiner Uniform stecken mehr Abzeichen
als sonst. Der Palästinenserpräsident wiederholt sich. Als er zum dritten
Mal bei den israelischen Verbrechen bei der Geburtkirche in Bethlehem angekommen
war, greift er den roten Koran. "Maria, die Mutter Jesu, ist die einzige namentlich
im Koran genannte Frau", behauptet Arafat und öffnet das Heilige Buch der
Moslems bei der Sure, wo das Lesezeichen steckt. "Sehen Sie, hier steht es
geschrieben", sagt Arafat und hält den deutschen Gästen die arabischen Schriftzeichen
als weiteren "Beweis" entgegen. "Die Geburtskirche in Bethlehem ist die heiligste
Stätte der Christenheit und des Islam. Die Israelis entweihen sie", meint
Arafat.
Die deutschen Bundestagsabgeordneten merken nach fast einer Stunde, dass
Arafat ihre Fragen nicht beantwortet und nur propagandistische Parolen abgibt.
Nicht ein einziges Mal kommt das Wort "Terror" vor. Man gewinnt den Eindruck,
als hätten die Israelis ohne jeden Grund oder Anlass angegriffen. Um dennoch
mehr von seinen Plänen nach einer Aufhebung der Belagerung seines Hauptquartiers
zu erfahren, bitten die Abgeordneten schließlich die Journalisten, den Raum
zu verlassen.
Wieder geht es ein finsteres Treppenhaus hinunter. Alle paar Stufen steht
ein Mann mit umgehängtem Gewehr. Julia Deeg, die 21 Jahre alte Kindergärtnerin
aus Berlin, die vor vier Wochen während einer Demonstration von Friedensaktivisten
in Arafats Hauptquartier gekommen war, um als "Schutzschild für den demokratisch
gewählten Präsidenten und für das palästinensische Volk zu dienen", führt
die Journalisten in den Kabinettssaal der palästinensischen Regierung. Auf
dem Fußboden des finsteren Empfangssaales schlafen einige Männer in Schlafsäcken
während andere durch die Ritzen der heruntergelassenen Jalousien die israelischen
Panzer am anderen Ende des Hofes beobachten. Im Kabinettssaal brennt licht.
Auf dem Tisch stehen überfüllte Aschenbecher. Frühre Gäste hatten wohl Le
Figaro, Haaretz und die Herald Tribune mitgebracht.
Etwa fünfzig Menschen halten sich in dem Saal auf und diskutieren miteinander,
auf Arabisch, Englisch und Französisch. Eine israelische Friedensaktivistin,
Neta Golan, begrüßt die Deutschen mit einem lauten "Schalom" und wendet sich
dann wieder einem palästinensischen Kämpfer im Rollstuhl zu. "Es ist erstaunlich,
wie schnell die Empfindungen von einem Augenblick zum anderen wechseln können",
meint Julia Deeg. Sie habe Menschen sterben gesehen und viel Mitgefühl für
die Palästinenser. "Ich liebe diese Menschen jeden Tag mehr", sagt sie und
erzählt, "Rücken an Rücken" neben einem Querschnittgelähmten zu schlafen,
"um ihn zu stützen". Die Bedingungen seien sehr schwierig. Besonders Zigaretten
fehlen und freut sich über den von den Deutschen mitgebrachten Glimmstängel.
In den ersten Wochen habe sie sich nicht einmal die Haare waschen können,
weil es an Wasser mangelte. Sie bereut nicht, seit einem Monat eingesperrt
zu sein, "aber verdauen werde ich die Erlebnisse wohl erst, wenn ich wieder
zuhause bin". Sie wünscht, sich auch in Hebron und Dschenin den israelischen
Panzern entgegenzustellen und so das palästinensische Volk zu schützen. Sie
würde gerne das ganze Land besuchen, "auch Israel", aber das werde wohl nicht
gehen. Ihre Mutter Sophie Deeg konnte eine Woche nach dem Beginn der Belagerung
das Hauptquartier Arafats verlassen und wurde von den Israelis sofort des
Landes verwiesen, mit einem zehnjährigen Einreiseverbot im Pass.
Mai 2002
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