Auge um Auge - Zahn um Zahn

 

Die Beschäftigung mit Israels "Reaktion" auf Terroranschläge wäre nichts Absonderliches, wenn sie nicht mit biblischen Versen, einer angeblichen "jüdischen Mentalität" und Vorurteilen begründet würde. Jeder zweite deutsche Kommentar zu Israel enthält die (falsche) Behauptung, dass Israels Regierung gemäß dem Prinzip "Auge um Auge, Zahn um Zahn" handle.

In Deutschland birgt die Verwendung vorbelasteter Begriffe aus der Tradition des Antisemitismus die Gefahr, unbeabsichtigte Emotionen zu erwecken. Eine mit biblischen Versen begründete Kritik an der Politik des jüdischen Staates liefert jenen rechtsradikalen Unverbesserlichen den "Beweis" dafür, dass das "Weltjudentum" und der Staat Israel gemäß Methoden handeln, die schon das antisemitische Machwerk "Die Protokolle der Weisen Zions" vorgezeichnet hat.

Peinliche Nebenwirkungen

Kritik an Israels "Politik der Vergeltung" kann auch ohne unterschwellig antisemitisch belastete Bibelverse mit allgemein gebräuchlichen Begriffen dargestellt werden. Das würde, ohne fragwürdige Nebenwirkungen, den beabsichtigten Zweck besser erfüllen.

Jedes Land und jeder Politiker reagieren ständig auf Ereignisse. Der eine handelt gemäß seiner "Politik", andere richten sich nach ihrer "Ideologie". Meistens werden die Reaktionen auf Grund der jeweiligen Interessen abgewogen. Nur im Falle Israels scheint der Ministerpräsident seinen Ministern aus der Bibel vorzulesen, um zu verkünden, was Israel nach Raketenangriffen des Irak oder nach Bombenanschlägen zu tun habe.

Vatikan ohne Bibelverse

Selbst bei Kommentaren zur Politik des Vatikans werden Bibelverse längst nicht so oft als "Erklärung" verwendet wie im Falle Israels. Gewisse Vorurteile stecken offensichtlich so tief, dass manche "Nahostexperten" lächerliche Fehler machen. Sie scheinen fest davon überzeugt zu sein, dass "der Jude" und der jüdische Staat "anders" funktionieren als der normale deutsche Christenmensch.

So fragte ein "Nahostexperte", was denn das jüdische Religionsgesetz bei "Rache" vorschreibe, wie und wann Rache verübt werden müsse. "Müssen die Juden warten, bis die Todesopfer begraben sind?"

Während die Amerikaner "Sanktionen" erwägen oder mit einer "militärischen Intervention" drohen, werden Israels Reaktionen nicht als politische oder militärische "Antwort" beschrieben, den parteipolitischen oder staatlichen Interessen entsprechend, sondern als die von einem jüdischen Rachegott gelenkte Politik mit archaisch biblischer Motivation.

Satan als Rächer

Die geläufigen, bei Begräbnissen von ermordeten Kleinkindern gesagten Sprüche in Israel zeugen davon, dass die jüdische Religion Gott die Rache überlässt, dem Menschen aber verbietet. "Der Herr möge ihr Blut rächen" heißt es da, oder: "Die Rache für den Mord an einem kleinen Kind hat selbst der Satan noch nicht geschaffen."

Der große jüdische Ethiker und Rabbiner Samson Raphael Hirsch widmet in seinem Buch "Versuche über Jissroels Pflichten in der Zerstreuung" nur ein winziges Kapitel dem Thema Rache. "Du darfst nicht rächen!" zitiert er im Untertitel aus dem 3. Buch Moses 19,18 und führt dann aus, was im zweiten Teil des gleichen Verses steht: "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst." Auch im "Kitzur Schulchan Aruch", einem Kompendium aller 613 jüdischen Religionsgesetze, wird ebenfalls jener Vers aus dem 3. Buch Moses zitiert. Wer dennoch Rache "an seinem Feind" verüben will, wird geraten, gute Taten zu tun und ein noch besserer Mensch zu werden. "So kannst Du indirekt Rache an Deinen Feinden üben, weil die sich schämen werden, wenn sie von Deinen guten Taten hören. Sie werden trauern, wenn sie von Deinem guten Ruf erfahren..." (1.Buch 30, 8)

Keine Blutrache ohne Schutzburgen

Der biblische Begriff der "Blutrache" gilt nur für Mord an einem Verwandten ersten Grades. Eine biblische Voraussetzung für die Blutrache war die Existenz von so genannten Zufluchtstädten, in denen der Delinquent Schutz finden konnte. Seitdem es diese Schutzburgen nicht mehr gibt, ist im Judentum die Blutrache verboten. Das Prinzip der Blutrache ist also vor über 2000 Jahren abgeschafft worden.

Der Spruch "Auge um Auge, Zahn um Zahn" steht im 3. Buch Moses 24,20. Da geht es um Fragen der Entschädigung und des Strafmaßes für Verbrecher. Ein erschlagenes Tier sollte im vollen Wert ersetzt werden. Wer einen Menschen erschlägt, der sollte getötet werden, also "Todesstrafe" bei Mord. Da unterscheidet sich die Bibel nicht von vielen zivilisierten Ländern bis heute.

"Auge um Auge, Zahn um Zahn" besagt lediglich, dass für ein ausgeschlagenes Auge eine gleichwertige, angemessene Strafe verhängt werden sollte. In Exodus 21,26 wird das Prinzip "Auge um Auge" sehr schön erklärt: "Und wenn jemand das Auge seines Knechtes oder seiner Magd schlägt und es zerstört, so soll er ihn freilassen für sein Auge".Das ist gar das Gegenteil von "Rache". Denn für den Herrn bedeutet die Freilassung seines Sklaven eine Geldstrafe, für den Sklaven bedeutet Freilassung eine große Belohnung.

Auge um Auge - Deutsches Rechtsprinzip

Im modernen deutschen Strafgesetzbuch gibt es sehr ähnliche Gesetze. Nur wird da ein Geldbetrag als Schadensersatz und eine Gefängnisstrafe als Sühne für das begangene Gewaltverbrechen festgelegt. Andere Zeiten, andere Sitten. So hat also das moderne deutsche Strafgesetzbuch schlicht das biblische Prinzip "Auge um Auge" übernommen. Es ist deshalb verwunderlich, wenn im deutschen Sprachgebrauch ausgerechnet dieser Vers als Umschreibung für eine grausame und unangemessene militärische Vergeltung und eine "typisch israelische Verhaltensweise" verwendet wird.

Die Auffassung, dass "Auge um Auge" ein jüdisches Grundprinzip der Rache sei, geht auf den klassischen christlichen "Antisemitismus" zurück: auf das Bemühen des Christentums, sich vom Judentum abzugrenzen. Jesus hat laut Mathäus 5,38 diesen Vers aus dem Alten Testament zitiert, um polemisch dazu seine neue Lehre zu verkünden: "die zweite Backe hinhalten". In moderne Sprache übertragen fordert Jesus Straffreiheit für Verbrecher. Dieses "Prinzip" ist bislang in keinem christlichen Staat beherzigt worden, genauso wenig wie der andere Vorschlag Jesu: die Feinde zu lieben. Kein christlicher Staat hat in den vergangenen 2000 Jahren die Bereitschaft gezeigt, sich selbst zu Gunsten des Feindes aufzugeben oder gar im Krieg zu kapitulieren, nur um dieser Lehre Jesu zu genügen.

Friedensbewegt

Die deutsche Friedensbewegung beruft sich noch am ehesten auf die Bergpredigt Jesu. Die Friedensbewegung ist aber (leider) nur in einem Land denkbar, wo ein konventioneller militärischer Angriff (fast) undenkbar ist und wo die Nachbarländer keine direkte Bedrohung darstellen. Dennoch gibt es selbst in der Bundesrepublik keinen verantwortungsbewussten Politiker, der sich für eine einseitige Abschaffung der Bundeswehr, des BND oder der Polizei aussprechen würde, nur weil Jesus geraten hat, "den Feind zu lieben".

Jesus Christus habe Nächstenliebe gelehrt, während die Juden "stur" an ihrem "Rächergott" fest hielten. So hat es Martin Luther in seinen antisemitischen Spätschriften behauptet, nachdem er verärgert war, dass die Juden ihm nicht in Massen folgten. In Deutschland hatten diese Schriften bis ins zwanzigste Jahrhundert einen nachhaltigen Einfluss. Luthers Sprachkünste hatten einen großen Einfluss auf die Gedankenwelt der Deutschen, schlicht über die Bedeutung der Worte und Begriffe der deutschen Sprache. Das hat Millionen Juden das Leben gekostet.

Irrlehre der Kirche

Die Kirche hat von Anfang an versucht, das Christentum als eine Religion der Nächstenliebe darzustellen. Sie habe die jüdische "Religion der Rache" überwunden. Um das zu "beweisen" wurde immer wieder der Vers "Auge um Auge" herangezogen, obgleich der mit Rache nichts zu tun hat. Die Kirche hat die jüdische Religion Jahrhunderte lang verunglimpft und die christliche verherrlicht, indem sie den Eindruck erweckte, als habe Jesus den Vers "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" erfunden. Beide Anschauungen gingen Hand in Hand und haben sich zu einem negativen Vorurteil gegenüber den Juden verfestigt.

Ein evangelischer Theologe aus Berlin, auf diese Verse angesprochen, sagte: "Die falschen Interpretationen wurden doch schon vor 20 Jahren von der evangelischen Theologie klar als falsch herausgestellt..." Er bestätigte, dass es fast 2000 Jahre lange gültige Lehre der Kirche war. Ebenso gestand er, dass neue theologische Lehrsätze nur sehr langsam, wenn überhaupt, den christlichen Laien erreichen.

Kohls zweite Backe

Wenn nun von Israel verübte Vergeltungsschläge mit dem missverstandenen und umgedrehten biblischen Vers "Auge um Auge" verurteilt werden, entsteht zudem der Eindruck, als sei Israel eine Theokratie. Das ist falsch. Israel ist eine recht normale westliche Demokratie. Zu schließen, dass die staatlichen Interessen Israels aus der Bibel herausgelesen werden, gilt nicht einmal für "fromme" Parteien. In Deutschland würde man vermutlich laut lachen, wenn jemand den christdemokratischen Bundeskanzler Kohl fragte, welche "andere Backe" die Bundesrepublik Deutschland der RAF hinhalten wolle, nachdem Schleyer, Herrhausen oder Schäuble einem Attentat zum Opfer gefallen sind.

1988