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Wie unser Handy den Barenboim-Skandal in Jerusalem auslöste

Die Berliner Zeitung BZ gab einen Routineauftrag durch. Ob vielleicht ein Fotograf die Kultursenatorin Adrienne Goehler, den Dirigenten Daniel Barenboim und die Berliner Staatskapelle bei ihrem Besuch in der Holocaustgedenkstätte Yad Vaschem und ins Israel-Museum begleiten könne. In der sommerlichen Hitze sind solche Aufträge eher anstrengend.

Die Gattin dieses Korrespondenten machte die fotografische Arbeit, während wir als "Taschenträger" der Fotografin mitliefen. Auf dem Weg zur Kranzniederlegung in Yad Vaschem "klingelte" unser Handy vom neuen Typ Nokia-6210. Eher zufällig und gewiss nicht aus böser Absicht hatten wir die Melodie von Wagners Walkyre ausgewählt. Wir dachten, dass wir so das eigene Handy besser vom Klingeln anderer israelischer Handys unterscheiden könnten.

Daniel Barenboim zuckte erschreckt zusammen, als er die doch sonst eher störende Meldie hörte, lachte dann aber. "Also darf man offenbar in Israel doch Wagner spielen." Dieser kleine Zwischenfall in Yad Vaschem passierte am Freitag, nach monatelangen Diskussionen über die von Barenboim ursprüngliche geplante Wagner-Aufführung, die dann nach Debatten in der Knesset, Klagen beim Obersten Gericht und schließlich durch einen Beschluss der Festivalleitung abgesetzt worden war.

Am Samstag Nachmittag kamen einige Musikanten und Mitglieder des Orchestervorstandes, um auf unserer Terrasse etwas über die politische Lage in Israel zu hören. Als das Taxi schon vor der Tür stand, um sie zurück zu Konzertsaal zu bringen, meinte einer von Ihnen: "Herr Sahm, wollen Sie übrigens Freikarten für das Konzert haben? Es könnte für sie ganz interessant werden." Wir fragten erstaunt: "Wieso?" Der Herr von Berlins Staatskapelle meinte nur: "Es könnte sein, dass Barenboim doch Wagner spielt. Die Noten haben wir mitgebracht und sogar zwei Harfen haben wir nur zu diesem Zweck nach Israel eingeflogen." Das war ein brisantes Angebot, doch ahnten wir nicht, der einzige Journalist zu sein, dem das schon vorher verraten worden war. Wir versprachen natürlich, nichts darüber im Voraus zu veröffentlichen.

Aus Kollegialität, damit das historische Ereignis dokumentiert werde, riefen wir den ersten Kanal des israelischen Fernsehens an. Der verantwortliche Redakteur sagte: "Danke für den Hinweis, weil es aber Samstag ist, haben wir kein freies Team." Beim Zweiten Kanal des israelischen Fernsehens reagierten die Kollegen schon mit größerem Interesse. Erst später erfuhren wir, dass die bei der Festivalleitung anriefen, um eine Drehgenehmigung zu erhalten. Die wurde ihnen strikt verweigert. Nach einer Stunde riefen die Kollegen an und fragten, ob wir etwas dagegen hätten, eine Amateurkamera ins Konzert mitzunehmen. "Aber ich habe doch noch nie eine Videokamera in der Hand gehalten." Die Kollegen meinten: "Dann wollen wir hoffen, dass es gut geht." Wenig später hupte ein Taxi vor der Haustür und übergab die Kamera des Polizeireporters.

Wie denn der geplante Ablauf sei, fragten wir hinter den Kulissen noch ein Vorstandsmitglied der Staatskapelle, doch der sagte mit verschlossenen Lippen und ohne zu schmunzeln: "Das können Sie doch dem Programm entnehmen." Wir wußten, dass Barenboim die Entscheidung bis zuletzt offen lassen wollte. Er wolle erst einmal die Stimmung im Saal prüfen und Wagner, wenn überhaupt, nur als zweite Zugabe spielen, hatte man uns am Nachmittag gesagt.

Als Barenboim auf der Bühne stand und dem Publikum sein überraschendes Angebot machte, argumentierte er auch mit der Wagnermelodie unseres Handy. Als die Tumulte im Konzertsaal ausbrachen, schaute Barenboim in unsere Richtung, wie um sich zu vergewissern, dass wir das alles dokumentieren.

Ein bulliger Sicherheitsmann stürzte sich auf uns. Es sei verboten zu Filmen. "Aber wir sind doch vom Orchester und filmen in deren Auftrag", logen wir. Später, als Barenboim mit der Wagner-Ouvertüre anhob, erschien wieder der Sicherheitsmann und wurde handgreiflich. "Die Festvalleitung hat das Filmen hier ausdrücklich verboten", sagte er. "Gut meinetwegen", beruhigten wir ihn, und legten die Kamera in den schoß.

So gut es ging, "zielten" wir weiter auf den dirigierenden Barenboim, während wir mit dem Kopf zum Takt wippten, damit die Sicherheitsleute nicht merken, dass die Kamera weiter läuft.... Aus Furcht, dass man uns die Filmkasette wegnehmen könnte, hängten wir die Filmtasche einem anwesenden deutschen Diplomaten über die Schulter, während wir den Saal "mit leeren Händen" verließen.

Später beim Bier gratulierte Barenboim, während beim Zweiten Kanal des israelischen Fernsehens schon die Reportage mit den exklusiven Bildern fertig geschnitten wurde. An N-TV wurde der Bericht per Satellit geschickt und als erster Sender ausgestrahlt. Etwas erstaunt fragten die ARD und das ZDF an, wo denn dieses Filmmaterial herstamme. Am Tag danach meldeten sich die internationalen Fernsehagenturen und sogar die japanische Zeitung Asahi Schinbum. Alle wollten die exklusiven Bilder haben.

Samstag, 7. Juli 2001

 

 

 

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