Ein Tag

in Bethlehem

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Die schusssichere Jacke passte nicht so ganz über den Bauch und der viel zu kleine Stahlhelm drückt. Den eigentlichen Schutz bietet der gepanzerte Jeep mit dem Kommandanten des Frontbezirks Bethlehem auf dem Beifahrersitz und fünf Soldaten in einem zweiten Jeep. Durch menschenleere Straßen von Beth Dschallah geht es erst einmal zum Hauptquartier Arafats. Die große britische Polizeistation, zeitweilig von den Israelis als Militärveraltung genutzt und seitdem Arafats Hauptquartier in der Geburtsstadt Jesu, ist jetzt ein riesiges Trümmerfeld. Hier hatte der Palästinenserpräsident den deutschen Bundespräsidenten Rau mit Ehrengarde und Polizeiorchester empfangen. In diesem Gebäude ist aber auch gleich zu Beginn der Intifada eine große Bombe vorzeitig explodiert, die eigentlich für Jerusalem bestimmt war und sechs palästinensische Sicherheitsleute tötete. Die Israelis hatten das Hauptquartier gezielt zerbombt, als die Truppen mit ihrem Aufmarsch um Bethlehem begannen. Das war vor drei Wochen. 

"Mit Drohnen filmten wir, wie die Palästinenser mit Lastwagen an der Geburtskirche vorfuhren, Waffen, Sprengstoff und Nahrungsmittel in das Gotteshaus brachten." Der lateinische Patriarch Michel Sabbah, selber ein Palästinenser, habe den Kämpfern Einlass gewährt. Das bestätigen inzwischen sogar Kirchenkreise in Jerusalem. Weil das lateinische Patriarch mit den Extremisten "kollaboriere", sei Sabbah von den Verhandlungen zwischen Israel, dem Vatikan und den in der Kirche Eingeschlossenen ausgeschlossen worden, behauptet ein israelischer Offizier. 

Seitdem ist die Belagerung der Geburtskirche neben der Umzingelung von Arafats Hauptquartier in Ramallah das "schwierigste Problem" der weitgehend abgeschlossenen "Operation Schutzwall". In der Kirche halten sich etwa 80 Priester, Mönche und Ordensschwestern auf. Den Israelis namentlich bekannte palästinensische Extremisten, halten als Geiseln und menschliche Schutzschilde eine Gruppe von etwa 20 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 fest. Ebenso sitzen in der Kirche der palästinensische Gouverneur von Bethlehem und Polizisten. "Wir wissen alles, was da in der Kirche vor sich geht", sagt ein Offizier der Reserve und empfiehlt, den Verkaufskatalog seiner Firma durchzublättern. "Sie können davon ausgehen, dass auch die israelische Armee Geräte einsetzt, die wir erfolgreich in der ganzen Welt verkaufen", sagt der Mann mit Auslandserfahrung in Äthiopien, Russland, Osteuropa und Südamerika. Durch verdreckte Straßen geht es weiter in Richtung Geburtskirche. Panzerketten haben die Bürgersteige angekratzt. Am Straßenrand geparkte Autos sind zur Hälfte plattgewalzt. Telefonzellen und Straßenlampen haben eine bedenkliche Schieflage, wenn sie nicht als flaches Metallband im aufgefühlten Schlamm der ehemals asphaltierten Straße liegen. Doch die Häuser weisen kaum Beschädigungen auf und die Eisentore de Läden sind alle verriegelt. An einigen Stellen raucht stinkend der seit Wochen nicht mehr weggeräumte Müll. Auf dem Parkplatz bei dem Restaurant Andaluz südlich der Geburtskirche parken in Reih und Glied ein Dutzend israelische Panzerwagen. Was da vor drei Wochen geparkt hatte, war zu einem Haufen verbogenen Metalls fein säuberlich in eine Ecke geschoben worden. Die ehemaligen Autos sind so flach, dass sie stabil übereinander liegen. Mehrere Soldaten mit entsicherten M-16 Gewehren machen einen Ring um den Journalisten und zielen in alle Richtungen. An der steilen Straße hinauf zum Krippenplatz haben wohl Techniker systematisch die Kabel in einem Telefon-Verteilerkasten abgeklemmt aber offenbar nicht alle Leitungen gekappt. Mit den Eingeschlossen in der Geburtskirche wird per Telefon verhandelt. An der Ecke, auf dem Krippenplatz, steht ein mächtiger Merkawapanzer, das Kanonenrohr bedrohlich auf die Geburtskirche gerichtet. Ein Soldat in Tarnuniform hockt hinter der schützenden Mauer und macht einem weiteren Panzer auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ein Handzeichen. Dort ist gerade ein riesiger Braukran vorgefahren. Mit seinem hydraulischen Arm hievt er einen Kasten in 30 Meter Höhe. Es weht ein starker Wind und der Geheimdienstmann in dem Kasten dürfte schnell seekrank werden. Der Offizier warnt den Journalisten, sich nicht zu weit vorzuwagen, denn die Palästinenser in der Geburtskirche würden auf alles schießen, was sich auf dem Krippenplatz bewegt. Um dennoch die Geburtskirche filmen zu können, bittet der Offizier wieder in den gepanzerten Jeep. Eigentümliche Geräte am Rande des Parkplatzes sollten wir tunlichst nicht filmen, sagte er mit einem freundlichen Lächeln. Da stehen Antennen und ein 20 Meter hoher metallischer Turm mit Waben, die wie der Kühler eines Automotors aussehen. Damit werden Nachts Geräusche erzeugt "die klingen, als ob wir die Geburtskirche stürmen". Die Eingeschlossenen könnten kaum ein Auge zudrücken und würden zunehmend durch die psychologische Kriegsführung zermürbt. Am Sonntag konnten fünf unfreiwillig eingeschlossene Palästinenser aus der Geburtskirche entkommen. Offenbar wussten die Israelis von den Fluchtplänen und hatten vorsorglich eine Leiter an das Fenster gelehnt, aus dem sie herauskletterten. Der Offizier öffnet mit einem Handgriff die Luke im vergitterten Panzerglas, das den Soldaten als Schießscharte dient und nun der Kamera einen Ausblick auf den leeren Platz vor der verschlossenen Kirche sowie auf etwa 20 Autobomben bot, die nach israelischen Angaben immer noch über den Krippenplatz verteilt stehen. Ein zertrümmertes blaues Auto liegt auf den Stufen des "Bethlehem Friedenszentrums", das von palästinensischen Schützen immer wieder als Stellung für den Beschuss israelischer Soldaten benutzt worden sei. Am anderen Ende des Platzes steht die Omarmoschee, in der die Israelis nach eigenen Angaben einen "großen Sprengsatz" gefunden hätten. Geradezu wütend redet der General über jene palästinensischen Extremisten, die von dem Respekt der Israelis für Heilige Stätten anderer Religionen wussten und sie deshalb "zynisch" als geschützte Stellungen missbrauchten. "Aus der lutherischen Weihnachtskirche heraus wurde auf meinen Stellvertreter geschossen. Per Funk habe ich ihm verboten, auf die Kirche zu schießen. Wenn es ein Privathaus gewesen wäre, hätte ich ohne Bedenken den Befehl erteilt, das Haus mit einer Granate zu zerstören", erzählt der General. Der in Deutschland sehr bekannte Pastor jener Kirche, Mitri Raheb, hatte mit selbstgemachten Fotos die von den Soldaten herausgesprengte Tür und zerstörte Fensterscheiben als eine "verbrecherische Zerstörungswut" der Israelis angeprangert, freilich ohne zu erwähnen, dass offenbar palästinensische Kämpfer zuerst in sein Gotteshaus eingedrungen waren. Der General erzählt auch, allein in der katholischen Santa Maria Kirche 37 von den Palästinensern zurückgelassene Sprengsätze gefunden zu haben, was zuvor schon Pater Jacques der Salesianer und ein Sprecher des Vatikanbotschafters in Jerusalem gegenüber dieser Zeitung bestätigt hatten. Zum Abschluss der Tour durch Bethlehem geht es zu einem Rohbau südlich der Geburtskirche. Im vierten Stock sitzen vor den offenen Fensterlöchern zwei Scharfschützen. Sie laueren und schauen konzentriert auf die Gärten zu Füßen der Heiligen Stätte. Ein anderer Soldat schwenkt ein großes Fernglas auf Stativ. An der Mauer hängt ein hangemaltes Panorama der Landschaft. Auf Hebräisch stehen da die entsprechenden Namen zu den abgebildeten Kirchtürmen. Auf dem Betonfußboden liegen verschossene Patronenhülsen. Wenige Minuten vor Aufhebung der Ausgangssperre geht es wieder zurück zum Hauptquartier der Israelis außerhalb der Stadt. Auf dem Verbindungsbüro der palästinensischen Polizei und der israelischen Streitkräfte flattert bis heute die palästinensische Flagge neben der israelischen. Bethlehem werde auch weiterhin besetzt gehalten, sagt der Offizier, "bis sich die Extremisten in der Geburtskirche ergeben haben, um sich vor einem Richter zu verantworten. Inzwischen weiß auch alle Welt, warum die Amerikaner keinen Druck auf Israel ausüben, die bewaffneten Palästinenser in die Freiheit zu entlassen und die Belagerung der Geburtskirche aufzuheben." Einer der eingeschlossenen "Terroristen" habe einen amerikanischen Staatsbürger ermordet. "Ungewollt sitzen da Präsident Bush und Scharon mit ihren Rechtsvorstellungen in einem Boot", sagt lachend der Offizier, ist sich aber gewiss, dass auch dieses "Problem" in sehr kurzer Zeit "gelöst" werde.

April 2002