Esels-Romantik in Bethlehem
Bethlehem, 12.12.2003
Ali Khader trägt einen braunen Strickpullover und die weiße Kappe eines Moslem
auf dem Kopf. In der Hand hält er die Autoschlüssel seines Mercedes. Hinter
ihm, an einer Straßenecke im christlichen Dorf El Chader bei Bethlehem liegen
ein paar einfache mit Stroh gefüllte Eselssattel.
El Khader ist nach dem Heiligen
Georg genannt, der den Drachen getötet hat. Ali der Mercedesbesitzer macht dieser
Tage gute Geschäfte. "Gestern habe ich auf dem Markt einen Esel für nur 150
Dinar (ca. 200 Euro) gekauft. Heute wurde ich ihn schon für das Vierfache wieder
los."
Esel sind die absolute Mangelware in den palästinensischen Gebieten. Sie
sind sie längst ein wichtigeres Verkehrsmittel als eine europäische Stadtlimousine.
Die Preise für die langohrigen Vierbeiner sind in die Höhe geschnellt, seitdem
die Israelis rund um Bethlehem fast alle Ausfallstraßen zu den benachbarten
Dörfern und zu den Feldern mit Erdhaufen gesperrt haben.
"Esel sind geländegängiger
als der beste Geländewagen", sagt Ali Khader, dem deutlich ein paar Zähne im
Mund fehlen. Raed Othmann, wohlhabender Direktor von Bethlehem TV und Besitzer
eines chromblitzenden knallroten Jeep nickt mit dem Kopf. "Meine Familie besitzt
Weinberge. Auf einigen ist die Siedlung Efrat errichtet worden. Auf den übrig
gebliebenen Feldern bauen wir die süßesten Trauben im ganzen Heiligen Land an:
22 Öchsle Zuckergehalt. Wenn wir sie ernten wollen, müssen wir im Lieferwagen
einen Esel zum Erdhaufen am Stadtrand transportieren, zum Feld reiten und die
Trauben auf dem Eselsrücken abholen."
Obgleich Moslem, dem der Alkohol eigentlich verboten ist, würden die süßen
Trauben an das Cremisan Kloster bei Bethlehem geliefert und dort zu Marsala
und Gewürztraminer verarbeitet. Die palästinensische Gesellschaft sei um 50
Jahre zurückgeworfen worden, meint Raed, dessen TV-Sender mit nur 12 Angestellten
das gesamte Bethlehemer Weihnachtsprogramm in alle Welt live ausstrahlen will.
"Die jungen Palästinenser können nicht mehr in Israel arbeiten, deshalb besinnen
sie sich wieder auf ihre Olivenhaine und die Weinberge. So haben sie wieder
einen tieferen Bezug zum Land. Wegen der Sperren müssen sie aber auf urprimitive
Verkehrsmittel wie Esel zurückgreifen."
Ali Khader lässt sich lachend über die Qualitäten der Esel in den verschiedenen
Preiskategorien interviewen. Er ist umringt von zwei Dutzend neugierigen Kindern.
Hinter seinem Kopf machen sie mit gespreizten Fingern das Siegeszeichen und
symbolisieren so auch Eselsohren. Ob ein teurer Esel mehr PS habe oder schneller
sei als ein billigeres Viech? Ali Khader meint: "Ein gutes teures Stück ist
halt kräftiger und vielleicht auch etwas schneller." Und ob die Ausstattung
luxuriöser sei, wenn sie über 600 Euro kosten? Ali Khader hält sich den Bauch:
"Die besten Tiere haben ein Handy. Ihre Ohren dienen als Antenne."
Khader ist
bereit, eines seiner Prachtexemplare vorzuführen. Aus einem finsteren fensterlosen
Schuppen zieht er mit schnalzenden Lauten einen struppigen braunen "Donkey"
hervor. Mit triefenden Augen steht das Tier verwundert auf der Straße, während
ein schwerer Sattelschlepper vorbeidonnert. Ein Nachbarn schwingt sich behände
auf den Esel. Aber der rührt sich nicht vom Fleck. Ein alter Beduine mit langem
Gewand und Keffiye auf dem Kopf schlägt dem Esel fachgerecht auf das linke Hinterteil.
Prompt macht der Esel ein paar Schritte in die falsche Richtung.
Nicht weit
entfernt befindet sich der "Grenzübergang" von El Khader zum Westjordanland.
Die Israelis haben quer zur Straße einen Erdhügel aufgehäuft. Fliegende Händler
stehen bereit, Tausende Palästinenser, die per Taxi aus Hebron. Ramallah oder
Jerusalem gekommen sind und zu Fuß den Erdhügel überwunden haben, mit heißen
Maiskolben und Fettgebackenem zu bewirten. Beiderseits des Erdhügels drängeln
sich während der "Rushhour" die gelben palästinensischen Sammeltaxis, wie an
einem großen Umsteigebahnhof.
Doch auch vierbeinige graue oder braune Verkehrsmittel
stehen bereit. Auf einem Esel der Marke "Minibus" sitzen schon zwei Kinder.
Auf dem Rücken eines "Tankesels" ist ein Gestell für Kerosinkanister montiert.
Man kann sich auch einen "Lastesel" mieten für Heu oder frisch geerntete Weintrauben.
Raed meint: "Maria und Josef hätten sich heutzutage ein anderes Verkehrsmittel
aussuchen müssen. Für sie wäre die Fahrt von Nazareth mit dem Esel teurer gekommen
als mit einer Luxuslimousine."
Ulrich W. Sahm Bethlehem//
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