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Bethlehem abseits der Touristenwege

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 
22. Dezember 2006

„Wollen Sie Postkarten? Oder eine echte Perlenkette?“ Wie die Raben stürzen sich fliegende Händler auf die wenigen Touristen, die sich nach Bethlehem verirren.

Bethlehem-Pilger haben nur ein Ziel im Sinne: die Geburtsbasilika. Da stand die Krippe. Mit Höhlen, Gräbern aus römischer Zeit, Kapellen und einem Hauptschiff auf Säulen aus byzantischer Zeit gleicht sie einer Festung. Die Basilika hat zahllose Angriffe fast schadlos überstanden seit ihrer Errichtung im vierten Jahrhundert und bis März 2002, als Israel darin verschanzte palästinensische Kämpfer belagerte.

In letzter Minute wurden bunte Glühlämpchen an der Fichte vor der Geburtskirche aufgehängt. In Bethlehem ist von Weihnachtsrummel nichts zu spüren. Die Hamasregierung wollte 50 Millionen Dollar für Weihnachtsschmuck spendieren. Doch Bürgermeister Victor Batarseh: „Selbst diese Summe würde nicht reichen, Bethlehem zu schmücken wie in früheren Jahren. Doch von den versprochenen Geldern haben wir noch nichts gesehen.“

 

Die triste Wirklichkeit Bethlehems begegnet dem Besucher schon vor der Geburtskirche. Eine steinerne Stele wurde da zu einer Litfassäule umfunktioniert. In martialischer Pose mit Maschinengewehr hängt da ein „Märtyrer“ auf dem verblassten Plakat. Unter ihm ein weiteres Poster mit dem Portrait von Abed Halil Abajat von der Hamas. „Abajat ist vor fünf Tagen von israelischen Soldaten erschossen worden“, erzählt einer der Andenkenhändler. Das gleiche Plakat verklebte auch eine dunkelblaue Tafel mit Erklärungen zur Bedeutung der Geburtskirche. Von dem Text unter dem Plakat des „Märtyrers“, den Israelis eher „Terrorist“ bezeichnen, ist nur noch ein Satz zu lesen: „An dieser Stelle werden jedes Jahr Weihnachtsfeiern abgehalten.“ Der Name Abajat tauchte immer wieder auf, wenn Anschläge mit israelischen Toten und Überfälle auf Soldaten gemeldet wurden.

Vor einem unscheinbaren Gebäude bildete sich eine Menschentraube. In offene Kofferräume verbeulter Autos werden Mehlsäcke geladen. „Saudisches Hilfskomitee für die Palästinenser. Nur für kostenlose Verteilung. Nicht für Weiterverkauf“ ist in blauer Schrift aufgedruckt. Issa (Jesus) hält gelbe, grüne und lila Karten in der Hand. Wer eine gelbe Karte besitzt, erhält alle zwei Monate 3 Zentnersäcke Mehl, 12 Kilo Kichererbsen, 6 Kilo Zucker, 2 Kilo Salz und acht Liter Sojaöl. Issa erklärt: „Es handelt sich um Beduinen und Sozialfälle. Flüchtlinge werden von der UNRWA versorgt.“

 

Fern der Touristenwege in Beth Dschala kaufen palästinensische Christen Weihnachtsgeschenke: Weihnachtsbäume aus Plastik, made in China und Maschinenpistolen aus Plastik für ihre Kinder.

Ulrich W.  Sahm

 

 

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