Im ummauerten Bethlehem
von Ulrich W. Sahm,
Jerusalem,
12. Dezember 2006
„Friede sei mit Euch“ wünscht ein 10 Meter hohes Plakat des
israelischen Tourismusministeriums. Es klebt an der ebenso hohen
grauen Betonmauer, die etwa einen Kilometer lang zwischen Jerusalem
und Bethlehem trennt. Nach einer Ausweiskontrolle geht es durch ein
schweres eisernes Tor nach Bethlehem. Jenseits dieses „Anti-Terror-Sicherheitswalls“
beginnt für die Palästinenser das „Gefängnis“ im
„ummauerten Bethlehem“. Leere Häuser, eine verwaiste Tankstelle
und geschlossene Läden rund um das eingemauerte Rachels-Grab zeugen
von der verheerenden Auswirkung des Sperrwalls mitsamt
Grenzterminal, Wachttürmen, Kameraüberwachung und Grenzschützerinnen
hinter dickem Panzerglas.
„Bitte
hier die Bombe ansetzen“, haben Unbekannte mit Sprühfarbe auf die
auf palästinensischen Seite der Mauer gesprüht neben Sprüchen wie
„Jesus weint“ oder „Keine Mauer kann die Wahrheit
verstecken“.
Eine vierspurige Straße
mit nagelneuen von Japan gestifteten Straßenlaternen führt zum
Krippenplatz, wo die schwerbefestigte Geburtsbasilika aus dem 3.
Jahrhundert steht. Mit jedem Meter näher zum Zentrum wird das Leben
immer „normaler“: Läden mit üppigen Auslagen, Gemüsehändler
mit buntfarbenen Früchten, moderne Computergeschäfte, Banken und Hühnchenverkäufer,
deren frische Ware lebendig in Plastikkäfigen auf dem Bürgersteig
gestapelt steht. Polizisten regeln Arme fuchtelnd den Verkehr, der
sich laut hupend an jeder Kreuzung verhakt, weil niemand dem Anderen
die Vorfahrt lässt.
Vor der gähnend leeren
Geburtsbasilika, in der eine griechische Frau unter einer Ikone der
Maria mit dem Jesuskind grunzende Schmerzschreie ausstößt, erklärt
Pater Jamal Khader einem kanadischen Reporter die Leiden der Palästinenser:
„Es gibt drei Übergänge, den großen nach Jerusalem,
einen ins Westjordanland nach Jericho und einen Dritten in Beth
Dschala, der bald geschlossen wird. Die Übergänge sollen den
Besuch christlicher Palästinenser verhindern. Regulierungen sollen
Touristen entmutigen.“ Israel „erwürge“ die Wirtschaft von
Bethlehem.
Auf
der Hauptstraße in Richtung Hebron geht es vorbei an Steinfabriken.
Riesige Blöcke „Jerusalem-Stein“, mit denen per Gesetz alle Häuser
in Amman, Ramallah und Jerusalem verputzt werden müssen, liegen
bereit, geschnitten und gemetzelt zu werden. Diese blühende
Industrie stoppte selbst in den schlimmsten Tagen der Intifada nie.
Ein paar Kilometer weiter versperren dutzende Taxis die Hauptstraße.
Fliegende Händler brutzeln stinkendes Fleisch auf rauchender
Holzkohle. Billiges Obst und geschnitzte Koraninschriften werden
verhüllten Frauen und hübschen Studentinnen feilgeboten, die sich
zum Taxistand jenseits der Betonklötze auf der Straße begeben. Auf
Bethlehems Seite rufen die Taxifahrer „Abu Dis“ oder
„Ramallah“. Jenseits der Blöcke werden Fahrten nach Hebron
geboten. „Deutschland gut, Mercedes gut, Hitler gut“, ruft
Mahmoud und hämmert auf das Blech seiner Mercedes-Limousine für
sieben Fahrgäste. Dreimal am Tag fährt er die halbstündige
Strecke nach Hebron zum Preis von einem Euro pro Person. Palästinenser
müssen mehrmals umsteigen, wenn sie von Hebron über Bethlehem und
Ramallah nach Nablus wollen. Nur öffentliche Verkehrsmittel dürfen
auf den Hauptstraßen verkehren, die auch Israelis benutzen. An
einer Bude wirbt ein Plakat für Urlaub in einem palästinensischen
Hotel mit Swimmingpool und Luxus. Rechts und links der Sperre am
Naschasch-Checkpoint sind weder Zaun noch Mauer zu sehen. Kein
Soldat prüft die Taschen. Betonblöcke versperren allein den Autos
den Weg.
Um zu erkunden, ob
Bethlehem tatsächlich „eingemauert“ sei, fahren wir in Richtung
Osten. In der Ferne ist nur ein elektronischer Zaun mit
Patrouillenstraße zu sehen, der Selbstmordattentäter aus Jerusalem
fern halten soll. Ohne
Straßensperre geht es hinaus aus Bethlehem, zu den Hirtenfeldern in
Beth Sahour und von dort zu den Siedlungen Nokdim, Tekoa und Efrat.
Weiter geht es hinauf zur deutschen Schule Talitha Kumi und von dort
unkontrolliert durch die Sperre am israelisch-palästinensischen
Verbindungsbüro. Seit Monaten steht da kein Soldat mehr. Obgleich
Bethlehem doch angeblich „von einer Mauer umgeben“ ist und die
Menschen sich „im Gefängnis“ befinden, war es möglich, die
ganze Runde zu drehen: vom Zentrum Bethlehems bis weit ins
Westjordanland hinein, an Siedlungen vorbei und zurück in die
Geburtsstadt Jesu, ohne eine einzige bemannte Straßensperre zu
passieren.
Auf dem Weg zurück nach
Jerusalem passieren wir nicht mehr das Mauertor am Rachelsgrab,
sondern nehmen den Weg über das Dorf Waladsche. „Schalom“,
rufen wir dem Soldaten und zwei äthiopischen Soldatinnen an einer
behelfsmäßigen Sperre vor Jerusalem zu. „Okay“, flüstert er
und winkt uns durch. Pässe oder Ausweiskarten interessierten ihn
nicht.
Ulrich W. Sahm
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