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21. Februar 2011
Vor
genau 50 Jahren wurde Adolf Eichmann von Agenten des israelischen
Geheimdienstes Mossad in Argentinien entdeckt (11. Mai 1960), betäubt
und als Steward verkleidet an Bord einer El Al Maschine geschmuggelt
und nach Israel ausgeflogen. Katholische Geistliche hatten Eichmann
nach dem Krieg zur Flucht nach Argentinien verholfen. Die Amerikaner
wussten offenbar von dessen Verbleib, ließen ihn aber unbehelligt. Sie
wollten den BND der jungen Bundesrepublik nicht kompromittieren. Doch
der Nazijäger aus Wien, Schimon Wiesenthal, erhielt einen Tipp, und
Israel schnappte Eichmann, um ihn zur Rechenschaft für Verbrechen
gegen die Menschlichkeit, Verbrechen am jüdischen Volk und für die
Mitgliedschaft einer "illegalen Organisation" zu ziehen. Argentinien
protestierte bei der UNO wegen Israels "Verletzung der Souveränität".
Am
11. April 1961 wurde der schmächtige Mann mit der Hornbrille in den
Glaskasten aus Panzerglas im "Haus des Volkes" mitten in Jerusalem
gesetzt, wo der wichtigste Prozess in der Geschichte Israels
abgehalten wurde. Überlebende der Vernichtungslager bezeugten, wie
Eichmann auf Befehl Hitlers die Ausrottung der "jüdischen Rasse"
organisiert hatte. Eichmann wurde zum Tode verurteilt. Während er in
einer Einzelzelle auf seine Hinrichtung am 31. Mai 1962 im
Ramle-Gefängnis wartete, schrieb Eichmann seine Memoiren unter dem
Titel "Götzen". Darin rechtfertigte er die tödliche Logik der
Massenvernichtung der Juden. Hitler hatte befohlen, Wien zu
"entjuden". Doch zuvor hatten die Nazis die Juden ausgeraubt, sodass
sie kein Geld mehr für eine Ausreise hatten, zumal potentielle
Aufnahmeländer da ein "Geschäft witterten" und immer höhere
Visumsgebühren von Juden verlangten. Um den Befehl Hitlers zu
befolgen, das deutsche Reich "judenfrei" zu machen, habe es laut
Eichmann keine Alternative gegeben, also die Juden umzubringen. Denn
anders konnte man sich ihrer nicht entledigen.
Zum Team der Anklage gehörte der spätere Oberrichter Gabriel Bach. Vor
Schülern aus Bochum erzählte der in Berlin aufgewachsene Richter in
der Wohnung dieses Korrespondenten:
Zur
Eichmann-Affäre möchte ich Euch Sachen mitteilen, die nicht
veröffentlicht wurden, persönliche Erfahrungen. Mein erstes Treffen
mit ihm im Jagur-Gefängnis: Ich saß in meinem Büro und las die
Autobiografie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz. Ich las,
wie sie an vielen Tagen 1000 jüdische Kinder getötet haben. Höß
schrieb: "Wenn ich die Kinder in die Gaskammern stoßen musste, bekam
ich manchmal Kniezittern. Ich schämte mich dieser Schwäche.
Obersturmbannführer Eichmann erklärte mir, dass man die Kinder zuerst
umbringen sollte. Denn wo ist die Logik, dass man ältere Menschen
umbringt und eine Generation von möglichen Rächern am Leben lässt. Die
könnten ja auch eine Keimzelle für die Wiedererrichtung dieser Rasse
werden." Nach zehn Minuten wollte mich Eichmann sprechen. Er saß mir
gegenüber, wie Sie jetzt. Mir fiel es schwer, da ein Pokerface zu
behalten.
Aus dem damals sehr anti-israelischen Polen, erhielten wir anonyme
Briefe, mit abgetippten Listen, wie viele Juden jeden Tag zwischen
1942 und 1943 nach Auschwitz kamen und welche Nummern sie auf den Arm
tätowiert bekamen. Die Papiere waren ohne Stempel und Unterschrift,
als Beweismaterial vor Gericht wertlos.
Ich zeigte allen Polizeioffizieren die Papiere. "Hat einer von euch
eine Idee, wie man das doch als akzeptables Beweismaterial gebrauchen
könnte"" Es herrschte Stille. "Vielleicht können wir zeigen, dass die
Informationen stimmen. Einige hundert Israelis waren in Auschwitz und
wissen, wann sie nach Auschwitz gekommen sind. Die haben noch immer
die Nummer auf dem Arm." Da zog der für Polen verantwortliche Offizier
sein Hemd hoch, zeigte uns seine Nummer und sagte: "Ich bin im
September 43 nach Auschwitz gekommen." Seine Nummer stimmte überein
mit dem, was auf der Liste stand.
Ein Zeuge hatte im Prozess ausgesagt. Er war der einzige, der schon in
einer verschlossenen Gaskammer war und davon erzählen konnte. Er war
damals elf Jahre alt. Man hatte immer 200 Kinder zusammen in eine
Gaskammer genommen. Er beschrieb, wie es in der Gaskammer dunkel
wurde. Die Kinder hätten gesungen, um sich Mut zu machen. Als nichts
geschah, fingen die Kinder an, zu weinen und zu schreien. Und dann
öffnete sich die Tür. Da war ein Zug mit Kartoffeln in Auschwitz
angekommen. Es gab nicht genug SS Leute, um die zu entladen. Ein
Offizier hatte die Idee: Warum nicht einige dieser Kinder benützen,
bevor sie getötet werden" Und da holte man die ersten zwanzig nahe der
Tür. Unser Zeuge war einer von denen. Die anderen 180 wurden sofort
getötet. Jene, die beim Entladen geholfen hatten, wurden auch getötet.
Aber unser Zeuge hat einen Lastwagen beschädigt. Ein Offizier sagte:
"Bevor der in die Gaskammer kommt, sollte er von einem SS-Mann
ausgepeitscht werden." Doch der SS-Mann, der ihn auspeitschen sollte,
empfand Zuneigung zu ihm und ließ ihn bei sich. So blieb er am Leben.
1944
war klar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, da sagte
Eichmann zu Freunden: "Ich werde meinen Krieg noch gewinnen". Er fuhr
nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von 10.000 pro Tag auf 12.000
zu erhöhen. Dann forderte er mit List und Tücke Eisenbahnen für die
Todeszüge, obgleich Generale der Wehrmacht sie dringend brauchten. Für
das Gericht produzierten wir einen 45 Minuten langen Dokumentarfilm
aus Originalmaterial. Am Abend vorher zeigten wir den Film dem
Angeklagten. Ich beobachtete ihn, weil ich seine Reaktion auf die
Leichenberge sehen wollte. Eichmann sprach sehr aufgeregt mit seinem
Wächter. Den fragte ich, worüber sich Eichmann so aufgeregt habe: "Er
hat gesagt, dass man ihm versprochen hätte, nie in Gefangenenkluft den
Gerichtssaal betreten zu müssen, sondern immer in seinem dunkelblauen
Anzug. Man solle ihm so was nicht versprechen, wenn man es nicht
einhalten könne." Die Tausenden Leichen haben ihn überhaupt nicht
erregt, nur die Farbe seines Anzugs. Ein kleiner Punkt, aber typisch
für Eichmann.
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