Propaganda mit Ministatistiken und Vergeltung
Vortrag von Ulrich W. Sahm, Berlin 26.6.2003
Bei Medienuntersuchungen werden nur die Endprodukte geprüft, Zeitungen,
Zeitschriften, Nachrichtensendungen von ARD oder ZDF. Da werden Erbsen gezählt.
Wenn Arafat exakt so viele Sekunden über den Bildschirm flimmert wie Scharon,
bestätigen sich die Fernsehmacher eine TV-Gemäße Ausgewogenheit. Manchen Forschern
scheint der rechte Maßstab zu fehlen, weil sie keine Ahnung von den subtileren
Formen des Antisemitismus haben. Es ist legitim, Israel zu kritisieren und
Scharon nicht zu mögen. Das ist kein Antisemitismus. Aber wie Herr Faber es
schon andeutete: die verwendeten Klischees, historisch belastete Worte, Bilder
aus dem klassischen Antisemitismus bis hin zu antijüdischen Vorurteilen aus
dem Repertoire der christlichen Kirchen verwandeln legitime politische Kritik
in eine gefährliche antisemitische Polemik.
Antisemitische Erbsen
Ohne den Apparat eines Forschungsinstituts mit volontierenden Erbsenzählern,
veranstaltete ich meine eigenen Studien.
Dem Publikum entgeht, wer in Wirklichkeit unseren Nachrichtenalltag bestimmt.
Das sind nicht die Tagesschau, der Spiegel oder die FAZ. Es sind Weltmächte.
Die arbeiten im Hintergrund und beeinflussen alle Redaktionen. Das klingt
wie eine Verschwörungstheorie. Ich meine Reuters, ap, dpa oder afp. Für den
Glauben an ihren Wahrheitsgehalt gibt es sogar einen Fachbegriff: Agenturgläubigkeit.
Ein Problem sind politische Wertungen. So fügen die Agenturen den Namen
gewisser Politiker Adjektive bei, die allein der Weltanschauung der Reporter
entsprechen. Monatelang las ich vom Hardliner Arafat, vom gemäßigten Scharon
und vom Extremisten Mahmoud Abbas... Wie wäre es, wenn wir bei der Rentendiskussion
über den Hardliner Schröder und den gemäßigten Stoiber redeten. Lächerlich.

Abstrus ist baffes Erstaunen der Agenturreporter: „Der als Hardliner bekannte
Ariel Scharon erklärte sich zur Räumung von Siedlungen bereit.“ Es fragt sich,
wer eigentlich Scharon zum Hardliner gemacht hat. Bei nüchterner und unvoreingenommener
Betrachtung ist seine Politik eher pragmatisch und je nach Situation mal hart,
mal nachgiebig und in jedem Fall konsistent und wechselhaft zugleich. Ich
persönlich würde mir kein simples pauschalisierendes Urteil über keinen einzigen
der nahöstlichen Politiker erlauben, zumal sie alle in einer unberechenbaren
Wirklichkeit auch immer wieder unberechenbar reagieren.
Als tunlichst neutraler Beobachter, erwarte ich auch von den Nachrichtenagenturen
eine wertfreie Berichterstattung, ohne Adjektive oder politische Hochstapelei,
als wüssten die Agenturreporter besser als die Politiker, wo es lang geht.
Propaganda mit Totenzahlen
Ein anderes Phänomen ist reine Propaganda für die Redakteure. Seit dem
ersten Tag der Intifada fügen Reuters und ap jeder Meldung aus Nahost eine
Statistik an.
Neutral formuliert lautet sie: Seit dem 28. September 2000 sind x Palästinenser
und y Israelis getötet worden.
Von rund 5000 solcher Ministatistiken habe ich für meine
Analyse einige hundert herauskopiert.
Das Wort „Intifada“ kommt übrigens nicht vor, weil erklärungsbedürftiges
Fremdwort. Ich hatte den 28.
September 2000 als ersten Tag der Intifada
erwähnt. Damit es nicht langweilig wird, haben sich die Agenturjournalisten
unzählige Formulierungen für die Stunde
Null ausgedacht: Seit der Provokation Scharons auf dem Tempelberg, seit Ausbruch
des spontanen Volksaufstandes, der Revolte, seit Beginn dieser Runde der Kämpfe,
der Gewalt, des Blutvergießens, seit Ausbruch des palästinensischen Kampfes
für einen eigenen Staat, Befreiungskampfes, Kampfes zur Beendung der Besatzung, seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen.

Viele dieser Stilblüten sind Schuldzuweisungen, zynisch verknüpft mit
vielen palästinensischen Toten und relativ wenigen israelischen Opfern. Längst
ist belegt, dass die Intifada kein spontaner Volksaufstand als Reaktion auf
Scharons Provokation ist, sondern ein Monate im Voraus geplanter bewaffneter
Angriff auf Israel. Reuters bringt das zum Ausdruck, indem die gelegentlich
die Ziele des Aufstandes erwähnen, als „Revolte gegen die israelische Besatzung“.
Gemäß manchen Ministatistiken wird das Blutvergießen oder der Aufstand nicht
wie eine Reaktion auf eine israelische Provokation beschrieben. Da heißt es
ausdrücklich: „seitdem die Palästinenser ihren Aufstand ausgelöst haben“.
Das ist ein Hinweis auf eine palästinensische Initiative und nicht auf die
Reaktion auf eine israelische Provokation.
Der wahre Auslöser der Intifada war der israelische Rückzug aus Südlibanon.
Gemäß der palästinensischen Wahrnehmung habe die Hisbollah die Israelis vertrieben.
Laut palästinensischen Quellen sollte die Intifada mit Gewalt die Siedler
vertreiben.
Spontan ins Messer gelaufen 
Das bemerkenswerteste palästinensische Dokument über den Ausbruch der
Intifada ist ein Interview des wegen Mordes
angeklagten Volkstribuns Marwan Barghouti. Am ersten Jahrestag der Intifada
protzte er, Scharon ins offene Messer laufen gelassen zu haben. Barghouti
behauptet, die Provokation Scharons als letzte Chance genutzt zu haben, um
die Intifada ausbrechen zu lassen und Israel zu beschuldigen.
Es ist schwer, mit neutralen Worte, ohne Schuldzuweisung den Beginn der
Intifada darzustellen. Sogar das Datum ist problematisch. Begann sie etwa
mit dem ruhigen Besuch Scharons auf dem Tempelberg? Einige Tage zuvor, mit dem vorsätzlichen Mord an israelischen Soldaten
oder aber am blutigen Freitag, einen Tag nach der Provokation Scharons?
Die Frage wäre irrelevant, wenn das nicht bis Heute entscheidende Folgen
für die Wahrnehmung und Beurteilung der Intifada hätte. Dabei widersprechen
sich jene, die einerseits Scharon zum Schuldigen machen und andererseits den
Palästinensern ein legitimes Recht auf gewalttätigen Widerstand zubilligen
und ihnen zugestehen, den Aufstand ausgelöst zu haben, mit dem Ziel die Besatzung
zu beenden.
Posthumer Wechsel der Staatsangehörigkeit
Nächster Punkt sind die Totenzahlen und die Identität der Opfer. Jeder
israelische oder palästinensische Tote wird mit Altersangabe beim Namen genannt.
In anderen Weltregionen bin ich nicht bewandert. Aber ich vermute mal, dass
Reuters und ap mit eben solchem Fleiß die Namen und Altersangaben der drei
Millionen Todesopfer im Kongo, der 2 Millionen Toten im Südsudan, der 250.000
europäischen Toten im ehemaligen Jugoslawien gesammelt und veröffentlicht
haben. Ganz gewiss wurden auch die Namen der Hunderttausenden Toten des Irakkriegs
publiziert. Ich habe sie trotz intensiver Suche nicht gefunden. Nicht einmal
die Namen der Erfurter Schüler nach dem Amoklauf wurden von den internationalen
Agenturen mit derart akribischer Genauigkeit nach Neuseeland, Japan, Argentinien
und Südafrika vermeldet. Mir ist klar, dass 3000 Tote nach drei Jahren Krieg
in Nahost ungleich schwerer wiegen als die amorphe Masse der 3000 Toten des
11. September. Zweifellos erzeugt jeder tote Palästinenser, dessen Leiche
sogar aus dem Kühlschrank hervorgeholt wird, um für alle Welt sichtbar gefilmt
zu werden, mehr Mitgefühl und Empathie als die Toten von New York, Tel Aviv
oder Jerusalem. Denn die hat niemand jemals gesehen, weil sie aus Gründen
der Pietät nicht gefilmt werden. Amerikaner wie Israelis halten eine derartige
Leichenschau für geschmacklos und ekelerregend, was jedoch amerikanische wie
israelische Fernsehsender nicht daran hindert, die Bilder toter Palästinenser,
Afghanen oder Iraker auszustrahlen. So entsteht „Mitgefühl“ nur für die jeweiligen
Feinde, während man es bei den eigenen Toten wohl voraussetzt. Bei arabischen
Fernsehsendern soll das exzessive Zeigen der eigenen Verletzten und Toten
weniger „Mitgefühl“ auslösen sondern vielmehr den Hass auf den Feind (Israel
oder die Amerikaner) schüren.
Bei der nationalen Identität der Toten gerieten die Agenturen ins Schleudern,
sowie deren Schubladendenken ins Wanken geriet. Wer mehr Tote hat, ist Opfer.
Wer weniger Tote hat, ist Täter oder Übeltäter.
Monate lang lautete die Statistik X Palästinenser, Y Israelis und 13 Andere.
Irgendwann verschwanden diese Ufos wieder. „Andere“, das waren 13 israelische
Araber, bei Unruhen im Kernland Israels umgekommen. Jüdische Israelis, bei
der gleichen Gelegenheit umgebracht, wurden nicht mitgezählt.
Bald gab es neue Komplikationen. Harry Fischer, deutscher Chiropraktiker,
wurde im November 2000 von einer israelischen Rakete in Beth Dschallah getroffen.
Der wurde als Ausländer angeführt. Ebenso ein erschossener griechischer Mönch.
Stillschweigend und posthum wurden sie später zu Palästinensern gemacht. Auch
auf der israelischen Seite bürgern die Agenturen posthum die Ausländer ein.
Ich denke da an Amerikaner, Franzosen, Philipinos und Chinesen, die bei Selbstmordattacken
in Jerusalem oder Tel Aviv getötet wurden und in den Statistiken zu getöteten
Israelis gemacht werden. Solange die ausländischen Toten noch frisch im Gedächtnis
sind, formulieren die Agenturen dann: „X starben auf der israelischen/palästinensische Seite“

2331 Palästinenser sind tot. Aber wurden sie tatsächlich „von den Israelis
getötet“, wie manche Ministatistiken unterstellen?
Das Institut für Konter-Terrorismus in Herzlija zählte am 19. Juni
zudem 787 tote Israelis. Inzwischen stieg die Zahl auf über 800. Andere Quellen
andere Zahlen. Meines Wissens wendet allein das Institut in Herzlija wissenschaftliche
Methodik an. Dieses makabre Thema hat eine entscheidende Bedeutung für die
Wahrnehmung des Konflikts durch die deutschen Medien, denn Tote machen die
größten Schlagzeilen.
Weit über die Hälfte der palästinensischen Toten waren Kombattanten oder
„mutmaßliche Kombattanten“. Bei den Israelis sind es nur 20 Prozent.
107 palästinensische Frauen wurden getötet, darunter 27 Kombattanten,
also Selbstmordattentäterinnen und ähnliches. Das sind weniger als 4 Prozent
aller palästinensischen Opfer. Auf der israelischen Seiten dagegen wurden
242 weibliche Todesopfer gezählt. In absoluten Zahlen sind das dreimal mehr
als die toten Palästinenserinnen.
Auch wenn ich hier den abgedroschenen Spruch, „Jeder Tote ist zuviel“
anbringe, stimmt da etwas nicht. Der Eindruck in Deutschland, als würden die
Israelis blindlings gegen palästinensische Zivilisten vorgehen, klingt unglaubwürdig
angesichts der extrem niedrigen Zahl toter Palästinenserinnen.
Wer tötete die Selbstmörder?
Den Palästinensern ist viel gelegen, die Zahl ihrer Toten in die Höhe
zu treiben, um sich propagandistisch überzeugend als Opfer darzustellen. Die
Agenturen spielen da täglich mit. ap hat berichtet, dass
auch die rund 200 palästinensischen Selbstmordattentäter als Opfer der Israelis
mitgezählt würden. 200, das sind allein fast 10 Prozent der palästinensischen
Toten. Die klassischen Selbstmordattentäter seien nicht von todesgewissen
Kämpfern zu unterscheiden, die Siedlungen Städte oder Stellungen angreifen,
wissen, dass sie nicht überleben und tatsächlich von Israelis erschossen werden.
Als palästinensische Opfer der Israelis werden auch Bombenbauer mitgezählt,
die bei sogenannten Arbeitsunfällen, bei der Vorbereitung von Bomben in die
Luft fliegen. Sogar die Palästinensern ermordeten Kollaborateure erscheinen
in der Gesamtstatistik, als seien sie von Israelis umgebracht worden.
Es geht mir nicht darum, palästinensischen Terror, israelische Liquidierungen,
den legitimen Widerstand der Palästinenser oder das israelische Selbstverteidigungsrecht
zu rechtfertigen. Mich interessiert auch nicht, wer der Oberschurke
bei dem hundert Jahre alten Konflikt ist, oder ob Siedlungen größere
Verbrechen sind als Selbstmordattentate. Was mich aber immens stört,
ist eine subtile Propaganda, wie sie von den Nachrichtenagenturen betrieben
wird mit scheinbar neutralen Zahlen. 
Die Agenturen verwenden auch andere subtile Methoden der Meinungsmache.
So weiß ich aus erster Hand von dem Redaktionsbeschluss
einer großen deutschen Nachrichtenagentur, jede israelische Militäraktion
als „Vergeltungsschlag“ zu bezeichnen. Selbst wenn der israelische Militärsprecher
von einem Präventivangriff spricht, berichtet jene Agentur von Vergeltung.
Andere Agenturen enthalten in ihren englischen Originalberichten nichts dergleichen.
Doch in der deutschen Ausgabe etwa von Reuters rutscht der Begriff „Vergeltung“
als Zwischentitel rein.
Wenn Vergeltung ins Auge geht
Vor allem in Deutschland verbindet sich jüdische Vergeltung mit Rache.
Dann sind wir ganz schnell bei Luthers Erfindung des jüdischen Rachegottes
im Gegensatz zum christlichen Gott der Liebe angelangt. Sogar Hitler berief
sich gegenüber evangelischen Bischöfen auf Luther, um Bücherverbrennungen
und Judenverfolgungen zu rechtfertigen. Dass sich die israelische Regierung
von einem archaischen Rachegott anleiten lasse, wird immer wieder behauptet.
Das wird klar, wenn die vermeintliche israelische Vergeltung als Balkenüberschrift
mit dem von Luther falsch interpretierten
Bibelvers rausposaunt wird: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Wer es bis heute nicht
kapiert hat, hier ein kurzer Hinweis: Unser deutsches Strafgesetzbuch hält
sich an das biblische Prinzip Auge um Auge, denn es bedeutet nicht Rache,
sondern Geldstrafe für den Täter und Schadenersatz für das Opfer. Luthers
Interpretation ist Antisemitismus der übelsten Sorte. Wenn also dpa über israelische
„Vergeltung“ berichtet, dann betreibt ahnungslos die gesamte deutsche Presse
von der Tagesschau bis zur letzten Dorfzeitung eine subtile antisemitische
Hetze in der besten Tradition des Stürmers. In extrem seltenen Fällen reden
die Israelis von einer „Peulat Tagmul“, also Vergeltung. Selbst die Zerstörung
von Terroristenhäusern bezeichnen die Israelis „Abschreckung“ und nicht biblische
Rache.
Auch palästinensische Terroranschläge sind nur selten Racheakte, obwohl
ad hoc ein zufällig gelungener Anschlag zu einem Racheakt deklariert wird.
Im Nahen Osten herrscht Krieg. Da geht es Schlag auf Schlag. So zu tun, als
sei die Attacke von heute die Reaktion auf den Angriff von gestern, ist lächerlich
bei dem Gedanken, dass die Palästinenser 200 Selbstmordattentate seit 1994
ausgeführt haben und die Israelis 200 Palästinenser gezielt oder ungezielt
getötet haben. Weder Terroranschläge noch Liquidierungen lassen sich innerhalb
weniger Stunden planen, vorbereiten und ausführen.
Ich setze nicht den israelischen Staatsterror mit dem legitimen palästinensischen
Widerstand gleich, oder den palästinensischen Terror mit der legitimen israelischen
Selbstverteidigung. Mögen Sie für sich selber die passende Formulierung auswählen.
Es handelt sich um Wortspiele in einer ekelhaften Wirklichkeit. Für mich hört
freilich der Spaß auf, wenn die deutsche Öffentlichkeit mit scheinbar harmlosen
Worten und fragwürdigen Ministatistiken gezielt zu Judenhass, falschem
Mitleid und Parteinahme gedrängt wird.