| Korrespondent im Gefängnis Rimonim Gefängnis, 1. Juli 2004
Der
Gefängniswärter öffnet die Stahlklappe in Kniehöhe. Durch sie wird den
Gefangenen das Essen gereicht, ohne die tonnenschwere Stahltür öffnen
zu müssen. Der Wärter und der Gefangene bücken sich tief und reichen sich
die Hand. Erst wieder aufgerichtet können sie das Gespräch freundschaftlich
lachend durch das Gitterfenster fortsetzen.
Hamis Madschid, 46, ist Veteran im Rimonim-Gefängnis, dem Flaggschiff israelischer
Haftanstalten. Der Gefängnisdienst bewacht mit fast 5000 Angestellten genau
15.620 Gefangene in 24 Anstalten. Die Zahl der Palästinenser in den Hochsicherheitsflügeln
ist seit Ausbruch der Intifada von 802 auf über 4000 angestiegen. "Wir haben
477 Lebenslängliche. Die sitzen insgesamt 1694 Lebenslang-Strafen ab, darunter
eine Frau mit 40facher lebenslanger Strafe", sagt Ian, der Sprecher des Gefängnisdienstes.
"Wir wollen uns dem Publikum öffnen", sagt Ian im Tonfall eines PR-Fachmanns.
Sein "Produkt" halte jedem Vergleich stand, behauptete der weitgereiste Ian
nach Besuchen in amerikanischen und irischen Gefängnissen, "wo die Insassen
ihre Notdurft in Eimern machen, ohne Abschirmung. Bei uns haben sie separate
Nasszellen mit Dusche."
 In
Israel halten noch andere Behörden Gefangene. Der Geheimdienst hat seine
eigenen berüchtigten Verhörzentren. Die Armee hält tausende Palästinenser
in Zeltstädten. Die Polizei verfügt zudem über verdreckte Zellen für Untersuchungshäftlinge,
etwa im "Muskabije", einem Pilgerhospiz aus Zarenzeiten in Jerusalem,
wo der britische Journalist und Vanunu-Freund Peter Houman Exkremente
an den Wänden entdeckte. Seit einem Monat steht auf Weisung des Ministers
für innere Sicherheit, Zachi Hanegbi, jedem Gefangenen ein Bett zu. Der
Gefängnissprecher gesteht, dass immer noch Gefangene auf dem Fußboden
schlafen wegen der Masse der Neuzugänge seit der Intifada. "Aber wir bauen
ständig neue Gefängnisse. Die Alten, aus der britischen Mandatszeit in
den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, werden renoviert." Über
Ratten, von denen die israelische Presse berichtet und entrüsteten Klagen
von Richtern, "Erststräflinge lieber unter Hausarrest zu stellen, anstatt
sie ins Gefängnisse unter menschenunwürdigen Bedingungen zu schicken"
verliert Ian kein Wort.
Die
Tour geht durch blitzsaubere kameraüberwachte Korridore und Schleusen
mit schweren vergitterten Toren zu den Gefangenen. "Im Gegensatz zu den
Amerikanern dürfen wir keine intrakörperliche Untersuchungen machen",
sagt Ian und schärft den Journalisten ein, sich keinesfalls weniger als
anderthalb Metern den Zellen der Terroristen zu nähern. "Die verschlucken
Kassiber in winzigen Kapseln und sogar Einzelteile von Handys. Sonst in
der Welt lassen die Terroristen von ihrem Tun ab, sowie sie im Gefängnis
sitzen. Wir haben hier komplette Befehlszentralen hinter Gittern sitzen."
Verwandte und sogar Anwälte schmuggeln geheime Nachrichten heraus, darunter:
"Ich werde Dir eine Sprengstoffjacke organisieren" oder "Du wirst ein
vielgeachteter Märtyrer werden".
Die
Kommandantin des Hochsicherheitstrakts ist eine bildhübsche junge Israeli,
wie viele weitere Wächterinnen in Rimonim Gefängnis. "Die lebenslänglichen
Terroristen haben nichts zu verlieren. Die übrigen erkennen den Staat
Israel nicht an", erklärt sie. "Die palästinensischen Gefangenen reden
aus Prinzip nicht mit uns. Wir halten sie deshalb gemäß ihrer politischen
Zugehörigkeit zur Fatach, Hamas oder anderen Gruppen zusammen. Einer ist
Sprecher der Gruppe und nur über ihn halten wir Kontakt mit den übrigen
Gefangenen." Die Journalisten nähern sich doch den vergitterten Zellen.
Zu Hamis dürfen sie sogar in die Zelle. "Ich bin hier seit der ersten Intifada.
Mit dreißig wurde ich wegen illegalem Besitz von Waffen verdonnert. Geschossen
haben die Anderen unserer Kämpferzelle", erzählt Hamis in perfektem Hebräisch,
ein Mitglied der Hamas. Heute ist er 46 und studiert per Fernstudium "politische
Wissenschaften". Seine fast erwachsenen Söhne hat er seit drei Jahren nicht
mehr gesehen. "Die Armee verbietet ihnen, den Gazastreifen zu verlassen." Er
hat noch drei Jahre abzusitzen. Seinen fünfzigsten Geburtstag will er bei seiner
Familie feiern. "Ich sehne mich nach Gaza."
Hamis
pflegt offenbar freundschaftliche Beziehungen mit seinen israelischen
Wächtern. "Unter Ministerpräsident Barak, als Abu Dis übergeben werden
sollte, wäre ich fast freigekommen. Ich stand auf der Liste", sagt er
traurig. Just an dem Morgen, wo Israels Kabinett die Übergabe von Abu
Dis an Arafats Autonomiebehörde beschließen wollte, im Mai 2000, kam es
zu tödlichen Angriffen auf israelische Soldaten, sodass die geplanten
"Gesten" vor dem gescheiterten Gipfel von Camp David,
eine
Amnestie für Gefangene und ein weiterer israelischer Rückzug, abgesagt
wurden.
"Thank you", ruft Ian. Die Tour ist beendet. Ein Gefängniswärter schlägt vor,
die Journalisten zum Appell antreten zu lassen, um sie abzuzählen, ehe sie die
Mauern und die von Kampfhunden bewachten Stacheldrahtverhaue wieder verlassen.
Vom hochmodernen Rimonim Gefängnis, das leicht in ein Fünf-Sterne-Hotel umfunktioniert
werden könnte, geht es vorbei an der finster wirkenden Festung aus der Briten-Zeit.
Chaotisch, wie die Israelis trotz guter Vorsätze sein können, verlassen die
Presseleute das Gefängnis, ohne abgezählt zu werden und ohne sich noch einmal
auszuweisen.
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