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Sahm – Das vermeintliche Grab der Familie Jesu

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 24. Februar 2007

„Dann hat Jesus bei der Auferstehung nicht nur die Leichentücher, sondern auch noch seine Knochen vergessen.“ Belustigt reagierte ein gläubiger Christ, dem die Auferstehung Jesu lieb und teuer ist, als er in einer israelischen Zeitung von der vermeintlichen Entdeckung des Grabes Jesu mitsamt seiner Knochen las. 

„Wir haben erstmals festgestellt, dass da Jesus und seine ganze Familie begraben liegen“, behauptete der Hollywood-Regisseur James Cameron ("Titanic"). Am Montag soll in New York bei einer Pressekonferenz der Film „Die Grabhöhle von Jesus“ und die Expertise von „namhaften Archäologen, DNA-Experten und Schriftforschern“ zusammen mit einem Buch zu dem Film vorgestellt werden. Buchautor ist der Zoologe Charles Pellegrino. Der verfasste das Script zu „Titanic“, erforschte die „Geister des Vesuv“ und vergoldete neben dem legendären Atlantis auch Sodom und Gomorra mit Millionenauflagen seiner zwölf Bestseller. Der aus Israel stammende Kanadier und Produzent des Films, Simcha Jacobovici, ist sich gewiss: „Unser Film wird die Grundfesten der christlichen Kirche erschüttern.“ Sein Film über „Jakobus, Bruder des Jesus“ (2003) war ein Reinfall, denn der biblische Knochenkasten, um dessen Entdeckung es ging, erwies sich als Fälschung des inzwischen verklagten israelischen Antiquitätenhändlers Oded Golan. 

Das Haus, unter dem sich die Grabhöhle befindet


Der Archäologe Amos Kloner war an der Entdeckung und Erforschung der Grabhöhle IAA-80 vor 27 Jahren beteiligt und hat eine ganz andere Gewissheit: „Wieder mal haben Filmemacher einen Weg gefunden, viel Wind um nichts zu machen, um ordentlich Geld zu verdienen.“ 

Die Wahrheit ist - wie so oft bei archäologischen Funden - reine Spekulation. Auf dem Jerusalemer „Berg des Bösen Rats“, heute nach dem Palast des Hochkommissars der britischen Mandatszeit benannt, sind beim Bau des „Armon-Hanatziv-Viertels“ viele intakte Grabhöhlen aus dem ersten Jahrhundert gefunden worden: zwischen der Herrschaft des Königs Herodes und der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70durch die Römer. 

 

Während des ersten Irakkrieges 1991 stießen Archäologen dort auf die Grabkammer des „Hohepriesters Kaiphas“, dessen Identität nicht bezweifelt wird. Jesus wurde ans Kreuz geschlagen, nachdem Kaiphas ihn an den römischen Prokurator Pontius Pilatus ausgeliefert hatte. Das Kreuz (Styros) war wahrscheinlich nur ein Baumpfahl ohne Querbalken. Von der „Straße der am Galgen Gehängten“ geht die Dov Gruner Straße ab, wo sich unter einem fünfstöckigen Sozialwohnungsbau mit russischen Einwanderern die im März 1980 von zwei Bauherren der Solel-Boneh-Gesellschaft entdeckte Grabhöhle befindet. Gruner war ein 1947 von den Briten am Galgen hingerichteter jüdischer Terrorist. Die Höhle mit den vermeintlichen Überresten der Familie Jesu wurde derweil für die Beerdigung verbrauchter jüdischer Schriften (Geniza) genutzt und versiegelt. 

Kloner hat die Höhle und ihre Inhalte 1996 in der wissenschaftlichen Zeitschrift Atiqot XXIX trocken und ohne christologische Spekulation publiziert. Der Golal, ein Rollstein vor dem Eingang, sei schon im Altertum verschwunden. Über dem Eingang befand sich unter einem eingemeißelten Giebel ein Kreis. Von der in den Fels gehauenen Grabkammer gehen nach Osten, Westen und Süden jeweils zwei 1,70 Meter tiefe Nischen ab, in denen zehn Knochenkästen aus Kalkstein lagerten. Schon im Altertum waren die Kastendeckel abgerissen und die zerbrochenen Knochen auf den Kammerboden geworfen worden. Einige Ossuarien (Knochenkästen) waren mit typischen Rosetten und Zickzackmustern geschmückt, andere waren schmucklos. Die eingeritzten Namen in Griechisch und Hebräisch klingen wie ein Familientreffen aus dem Neuen Testament: Maria, Josef, Jesus, Mathias, Jose, Judas, Sohn des Jesus. Doch Kloner ließ sich schon beim Verfassen seines fünfseitigen Artikels nicht irritieren. „Das sind die meist verbreiteten Namen der damaligen Zeit. Wir haben sie hunderte Male auf Ossuarien und in der Literatur gefunden.“ Auch die eingeritzten Steinmetz-Zeichen könnten keinesfalls als frühchristliche Kreuzsymbole interpretiert werden. Erst im dritten Jahrhundert wurde das Kreuz zu einem christlichen Symbol und frühestens im siebenten Jahrhundert wurde es in der christlichen Kunst abgebildet. „Das Grab gehörte einer typischen mittelständischen Familie aus Jerusalem. Die Namen sind reiner Zufall. Ich halte es für undenkbar, dass sich eine Familie aus Nazareth über drei bis vier Generationen hinweg in Jerusalem begraben ließ“, sagt Kloner heute. Sein wissenschaftlicher Artikel und die Totenkästen mit den einschlägigen Namen seien allseits bekannt. Vor elf Jahren habe zudem der britische Regisseur Ryle Bruce für die BBC einen Film über diese Grabhöhle gedreht, ohne Aufsehen zu erregen. 

Doch mit dem „Da Vinci Code“, dem gefälschten Ossuarium des Herrenbruders Jesu, dem vermeintlich echten Turiner Grabtuch und jetzt mit dem Grab Jesu lassen sich offenbar in regelmäßigen Abständen Schlagzeilen und gutes Geld machen. Kloner, nach dem Film befragt, meinte nur: „Ich bin Wissenschaftler und beteilige mich nicht an unseriösen Spekulationen.“ 

 

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