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Für Männer verboten: Die Frauen-Mikve

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 14. Oktober 2005

Der wichtigste Ort für den Fortbestand des jüdischen Volkes wird von Männern bis ins letzte Detail reglementiert, obgleich ihn noch nie ein Mann betreten hat: das rituelle Tauchbad für Frauen, auf Hebräisch "Mikve" genannt. Das erste biblische Gebot, "Seid fruchtbar und mehret Euch", kann nur vollzogen werden, wenn die Frau nach ihrer Menstruation wieder rituell rein und so "dem Mann erlaubt" ist. Ohne Mikve gäbe es also keine Fortpflanzung im Judentum, denn Kinder, die aus einer "unreinen" Verbindung entstanden sind, gelten als "Karet", als verstoßen. Nicht alle Juden glauben an die scharfen Regeln der Halacha, des Religionsgesetzes. Gleichwohl gibt es da eine Tradition, an die sich sogar völlig unfromme Frauen halten.

Varda Polak-Sahm, eine studierte Folklore-Expertin und bekannte Pressefotografin, hat zehn Jahre lang für ihre Magisterarbeit bei der Hebräischen Universität in Israel Frauen-Tauchbäder besucht und erforscht. Sie interviewte sowohl die Frauen, die kamen, um sich zu reinigen, wie auch "Balanijot", die Rabbinerinnen, die nach einem dreimaligen "Koscher, Koscher, Koscher" die Frauen für Liebesnächte mit ihren Männern entlassen, nachdem sie zwei Wochen lang "verboten" waren. Die Forscherin stellte dabei fest, dass es in der Frauen-Mikve ein Eigenleben gibt, mit Regeln, Sitten und Gebräuchen, mit Wünschen und Träumen der Frauen, von denen die Männer nichts wissen. "Beth Hasetarim", das "Haus der Geheimnisse", nannte sie ihr kürzlich auf Hebräisch beim Verlag Modan erschienenes Sachbuch mit wissenschaftlichen Anmerkungen. "Beth Hasetarim" ist unter orthodoxen Juden der Fachbegriff für alle Körperöffnungen des Menschen und besonders des Intimbereichs.

Das Buch hat in Israel Kontroversen ausgelöst. Feministinnen protestierten dagegen, dass der Inbegriff männlicher Erniedrigung gegen Frauen in einem wohlwollendem Licht dargestellt wird, geradezu als "Atombombe in den Händen der Frauen". Rabbinerinnen, die in den Tauchbädern dienen, mochten nicht, dass da alle ihre kleinen Geheimnisse in der Öffentlichkeit ausgebreitet wurden. Rabbiner reagierten mit einem Gegenbuch, um den Frauen die offenbar falsch verstandenen Regeln noch einmal einzuschärfen. Aber es gab auch weltliche jüdische Frauen, die Lust bekamen, diese uralte Sitte aus biblischer Zeit an sich selber auszuprobieren und nicht nur vor der Hochzeitsnacht, wo ein Besuch in der Mikve für jede jüdische Braut vorgeschriebene "Pflicht" ist. Ohne "Zettel" von der Mikve würde ein Rabbiner eine junge Frau nicht "unter die Haube", unter die Chuppah, bringen. Der nachfolgende Bericht entstand aus Gesprächen mit der Autorin und Auszügen aus ihrem Buch.

Zweimal in ihrem Leben besuchte Varda Polak-Sahm eine Mikve. Vor ihrer ersten Hochzeitsnacht wurde sie von johlenden Frauen, den Müttern, Tanten und Freundinnen, begleitet. Neugierige Augen prüften ihren nackten Körper. Dringliche Finger der Rabbinerinnen prüften ihre Öffnungen, Finger und Zehen. Ein kreisrunder Kuchen, Symbol für Vollkommenheit, Hymen und Fruchtbarkeit wurde über ihrem Kopf gebrochen, eine Sitte sephardischer Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden und bis heute Ladino (Spaniolisch) reden.

"Es war ein großes rundes Becken, dem nackte Frauen wie im Harem entstiegen. Und ich war eine von ihnen, eine verschämte Puppe, in den Händen der Tanten und Nachbarinnen mit Trommeln, Gesang und Tanz." Die Frauen segneten sie, wünschten ihr eine "erfolgreiche Vereinigung" und schickten sie ins Bett ihres ersten Gatten. So blieb es in der verwirrten Fantasie der jungen Braut hängen. Fünf Jahre später ließ sie sich scheiden.

Vor ihrer zweiten Ehe war sie schon 32 Jahre alt. Zur Mikve ging sie diesmal ohne Begleitung, aus Widerwillen. Auch beim zweiten Mal empfand sie es als Zwang und Entwürdigung, auf Befehl des Establishment der Rabbiner ins rituelle Tauchbad zu gehen. "Die Balanit kam in den Raum mit ihren beiden Helferinnen", erzählt Varda. "Hast du Deinen Körper geprüft", fragte die Balanit. "Ich erzählte ihr, wann ich das letzte Mal meine Tage hatte", berichtet Varda. Seit Donnerstag habe sie ihre "Reinheit" geprüft, mit einem Lappen, der ins Mondlicht gehalten werden muß. Aber die Balanit wollte es genauer wissen. "Hast du auch alle Deine intimen Teile gewaschen? Hast du dabei ein Bein auf den Klodeckel gestellt?" Varda wurde wütender, je unverschämter die Fragen wurden. Die Rabbinerinnen wirkten auf sie wie die Hexen aus Macbeth, halb mysteriös, halb beängstigend. Schließlich erhielt sie den Befehl, in die Mikve herabzusteigen. "Es war ein viereckiges mit Wasser gefülltes Loch. Ich hatte das Gefühl, in ein Grab hinabzusteigen."

Das doppelte Trauma beflügelte Varda, die Frauen-Mikve zu "dokumentieren". Sie wollte ihrer eigenen verwirrenden Erinnerung auf den Grund gehen und bat eine Fotografin, die Frauen-Mikve mit ihrer Kamera festzuhalten. Die Fotografin verlangte einen unverschämten Preis für die Bilder und eine Versicherung für ihre Apparate, denn sie befürchtete, dass die Rabbinerinnen die Kameras zerstören könnten. Frustriert belegte Varda einen Fotokurs, besorgte sich eine gute Kamera und beschloss, das Projekt selber zu machen. Sie besorgte sich ein Modell ohne Scham und bestellte bei ihrer Mutter einen runden Kuchen. Zu Dritt zogen sie in die Mikve und erklärten den Rabbinerinnen: "Die Braut schämt sich". Ungestört konnte Varda jenes Foto machen, das sogar im Vatikan im Rahmen der ersten Fotoausstellung eines israelischen Fotografen am Heiligen Stuhl ausgestellt werden sollte: Eine Braut, wie über ihrem Kopf das symbolische runde Brot gebrochen wird. Das Modell, übrigens unverheiratet und unfromm, war tief beeindruckt von dem Erlebnis. Nach dem Bad erklärte ihr die Balanit geduldig die tiefe Bedeutung der Mikve für die jüdische Frau. Neun Monate später kam ihr erster Sohn zur Welt, gezeugt vom Freund.

Seitdem hat Varda zehn Jahre lang immer wieder die Mikve besucht, jedoch ohne jedoch selber unterzutauchen. Sie wollte für sich Distanz halten. Gleichzeitig entwickelten die Balanijot wie auch die Frauen volles Vertrauen und schütteten ohne Vorbehalte ihre Herzen aus. Varda konnte sie mit Tonband interviewen und gelegentlich sogar filmen.

Die Balanijot erklärten ihr die Regeln der Rabbiner, aber auch die Wirklichkeit. Eigentlich darf ja nur eine verheiratete Frau Geschlechtsverkehr haben und das natürlich nur, wenn sie rituell rein ist. Zwei Wochen lang ist sie dem Mann "erlaubt" und dann kommen die Tage, während der sie "verboten" ist. Der Mann darf sie in dieser Zeit nicht einmal berühren, um sich nicht für das Tora-Studium und den Gottesdienst zu verunreinigen.

"Einmal flog ich nach Europa", erzählt Varda lachend. "Ein dicker ultraorthodoxer Jude wollte sich auf den Platz neben mir setzen. Ich flüsterte ihm zu, dass ich meine Tage hätte. Daraufhin genoss ich einen Flug ohne Nachbarn auf dem Nebenplatz und konnte meine Beine ausstrecken. Wie von der Biene gestochen hatte sich der Mann einen anderen Platz gesucht."

Traditionell müssen äthiopische Frauen ihre "unreine Periode" sogar außerhalb ihres Hauses verbringen. Das typische Zeichen für eine jüdische Gemeinde in Äthiopien war ein "Haus des Blutes", wohin die Frauen während ihrer "unreinen" Periode umzogen.

In Amerika breitet sich auch unter Christinnen inzwischen die Sitte aus, das jüdische Ritualbad zu besuchen. Wortführerin ist dabei die Sängerin Madonna, die sich der Kabbalah, der jüdischen Mystik zugewandt hat. Varda hat einmal erlebt, wie eine Frau "die genau so aussah wie Madonne" mit einem großen Kreuz an der Brust. Während die Betreiberinnen von Mikvaot in Los Angeles es wohl nicht so genau nehmen, wurde die Jerusalemer "Madonna" der Tür verwiesen. "Es kommt nicht in Frage, dass eine Ungläubige unsere reine Mikve entweiht", kommentiere die Verantwortliche Balanit.

Die Frauen kommen oft in großer Eile, sogar kurz vor Mitternacht, in die Mikve, um in letzter Minute noch "rein" zu sein. Aber es seien nicht nur verheiratete Frauen, wie Varda erfuhr. Auch unverheiratete Frauen vor der Ehe oder Geschiedene mit einem Verhältnis wollten die Regeln einzuhalten, die eigentlich nicht für sie gelten. Dahinter steckt die Logik, dass eine unverheiratete Frau keinen Geschlechtsverkehr haben und deshalb auch nicht die Mikve aufsuchen darf.

"Absurd ist es geradezu, dass ausgerechnet ultraorthodoxe Frauen nur ganz selten in ihrem Leben die Mikve aufsuchen", sagt Varda, ohne dafür einen statistischen Beleg vorweisen zu können: "Ultraorthodoxe Frauen bringen zwölf und mehr Kinder zu Welt. Während der Schwangerschaft und während sie stillen, haben sie keine Periode. Sie sind also nicht unrein, während der Mann weiterhin seine Pflicht tun kann oder muss. Und so ist die Frau schon wieder schwanger, ehe sie in die Mikve kommen kann."

Varda berichtet von erschütternden Erlebnissen, zum Beispiel eine schwerbehinderte Frau, ohne Arme und Beine. Sie wird, liebevoll von den Balanijot begleitet, mit einem Kran in das Wasser herabgelassen. Der Besuch im Tauchbad hebe ihren Selbstwert und das Gefühl der Weiblichkeit. Auch ohne Gliedmassen sei diese Frau "vollwertig" und habe schon mehrere Kinder auf die Welt gebracht.

Ein anderes Beispiel sei eine junge Frau, die wie eine "Frecha" gekommen sei, mit Minirock, freien Schultern, grell geschminkt. Nach dem Bad in der Mikve und dem dreifachen Segen sei auch diese primitive Frau, die ausgesehen habe, als gehe sie auf dem Strich, wie verwandelt. Ein Hauch von Heiligkeit und Würde habe sie umgeben, als sie sich auf den Weg zur erneuten Begegnung mit ihrem Mann machte.

"Die Frauen haben durch die Mikve die Kraft einer Atombombe", sagte die Balanit Miriam zu Varda. Denn wenn sich die Frauen weigern, zur Mikve zu gehen, sind sie unberührbar und für den Mann verboten. "Es gab schon einmal in Ägypten einen historischen Streik der Frauen, zu Lebzeiten des Rambam (Maimonides). Die Frauen weigerten sich, die Mikve aufzusuchen und ihre Männer waren machtlos." Varda, die auch Theaterwissenschaften studiert hat, erinnert das an das klassische Stück "Lysistrata". Griechische Frauen verweigerten sich ihren Männern, um sie gefügig zu machen. "Im Judentum bedeutet die Mikve in Wirklichkeit eine enorme Macht für die Frauen, obgleich es so wirkt, als hätten die Männer diese Regeln erfunden, um die Frau zu erniedrigen", sagt Varda.

Für das gesunde Sexualleben habe die Mikve und das zweiwöchige Verbot, einander zu nähern, auch noch eine weitere psychologische Wirkung auf Mann wie Frau. Durch die von der Religion erzwungene zweiwöchige Pause werde die Lust bei beiden gestärkt. Das Religionsgesetz schreibt vor, dass die Frau zur Mikve gehen muss, sowie sie frei vom Menstruationsblut ist. Tut sie das nicht, gilt sie als "Moredet" (Meuterin). Allein dem Mann obliegt die Pflicht, das Gesetz "Seid fruchtbar und mehret Euch" zu erfüllen. Es liegt also in seinem Interesse, diese "Mitzva" (religiöse Pflicht) zu vollbringen, sowie die Frau vom Tauchbad zurückkehrt. Da sie aber nicht gezwungen werden kann, sich ihm hinzugeben, liege es an ihm, "besonders lieb" zu seiner Frau zu sein, allein aus dem Interesse heraus, möglichst alle Religionsgesetze zu erfüllen. Beischlaf gegen den Willen der Frau gilt im Judentum als Vergewaltigung und Sünde. Der Wunsch des Mannes, ein Gottesgesetz zu erfüllen, wäre sinnlos, wenn es im Rahmen eines Gesetzesverstoßes geschähe.

Bei den Mikves sind Schilder angebracht, die nicht nur den Eintritt für Männer verbieten, sondern auch auffordern, sich auf Distanz zu halten. Denn wenn die Frauen die Mikve verlassen, allein mit dem Ziel, sich mit ihrem Mann zu vereinen, sei es ihnen verboten, "fremde Männer" anzuschauen. Es liegt auf der Hand, dass schon die klassische jüdische Literatur über Vergehen gegen dieses Gebot berichtet, also von Männern, die sich zum Mikve begaben, um sexuell aufgeladene Frauen zu beobachten.

In der Mikve fühlen sich die Frauen unter sich. Dort können sie ihre geheimsten sexuellen Fantasien aussprechen. Sie werden bebei voll unterstützt und gefördert, denn schließlich hat der Besuch in der Mikve eigentlich kein anderes Ziel, als die Frau nach einer zweiwöchigen Periode der Entbehrung wieder für das Sexualleben freizugeben. So wundert es nicht, dass diese Frauen ohne Hemmung ihre intimsten Geheimnisse dem Tonband der Forscherin preisgaben. Viele dieser Geschichten sind in dem Buch wiedergegeben, darunter aber auch tragische Schicksale. Nachfolgendes Gespräch mit einer Balanit hat sie jedoch nicht aufgenommen: unrein gezeugte Kinder seien letztlich des Todes. Varda fühlte sich persönlich betroffen, denn während ihrer Forschungsarbeit hatte sie ihren Sohn Rafael verloren. Als weltliche Frau ohne "Aberglauben" empfand sie die Äußerung der Balanit als üble Methode der Einschüchterung, ungläubige Frauen zu dem in weiten Kreisen verabscheuten Ritus zu zwingen. Doch dann erfuhr Varda, dass auch diese Balanit ein Kind verloren habe. Die Behauptung der Balanit, dass "die Wege Gottes unergründlich" seien, überzeugten Varda nicht. Sie konnte nicht akzeptieren, dass ihr Sohn gestorben sei, weil er "unrein" entstanden sei, während das Kind der Balanit gestorben sei, obgleich es gemäß allen Regeln des Religionsgesetzes zur Welt gekommen sei.

Varda fällt letztlich keine Entscheidung, ob sie einer jüdischen Frau raten sollte, einmal im Monat die Mikve zu besuchen oder nicht. Sie beschreibt ohne Vorbehalte den missionarischen Antrieb der Rabbinerinnen und gleichzeitig die Seelennot der Frauen, die in der Mikve eine Bestätigung ihrer Weiblichkeit erhalten und mehr noch: ein Gefühl der Überlegenheit über den Mann. Varda beschreibt, wie die Welt der Rabbiner zwar die Regeln für die Mikve aufgestellt haben, wie aber die Frauen dort eine eigene Welt geschaffen haben, mit Sitten und Gebräuchen, von denen die Männer nichts ahnen, weil sie letztlich keinen Zugang haben. Deswegen kontert Varda ausgerechnet den Feministinnen, dass die Mikve in Wirklichkeit kein Mittel der Männer sei, die Frauen zu erniedrigen und gefügig zu machen, sondern im Gegenteil. Die Mikve gebe den Frauen eine Macht in die Hand, der sich letztlich die Männer fügen müssten.

Ausgerechnet in der engen Gesellschaft der Ultraorthodoxen, wo jeder Schritt der Frauen überwacht werde und wo deren Freiheiten extrem beschnitten seien, bedeute der Gang in die Mikve auch ein Befreiungsschlag, ganz legal unter ihresgleichen zu sein und dort alle ihre Nöte loszuwerden, die sie sonst nicht aussprechen dürfen. "Die Entscheidung liegt letztlich bei den Frauen selber. Sie können die Mikve als eine männliche Institution betrachten, die Frau wegen der Natur zu erniedrigen und für minderwertig zu halten. Genauso kann aber die Frau ihre Periode und den Gang zur Mikve als Mittel benutzen, ihren Mann in ihrem Sinne gefügig zu machen", sagt Varda



Die Pflicht, sich im Tauchbad, der Mikwe, rituell zu reinigen, wird schon in der Tora ausführlich beschrieben. Sie galt für Priester vor dem Tempeldienst, für Männer, wenn sie einen Toten oder eine unreine Frau berührt haben und für Frauen nach der Menstruation. Obgleich es keinen Tempel mehr gibt, ist es bei Männern üblich, vor dem Sabbat und vor dem Versöhnungstag (Jom Kippur) die Mikve aufzusuchen. Rund um den Jerusalemer Tempelberg wurden hunderte in den Fels gehauene Mikvaot (Plural von Mikve) seit 1968 bei archäologischen Ausgrabungen freigelegt. Gewisse jüdische Sekten, wie etwa die Essener, hatten einen besonders ausgeprägten Reinigungskult. Es heißt, dass Johannes der Täufer Mitglied dieser Sekte war und deshalb auch die Taufe ins Christentum eingeführt hat. Vor einem Jahr wurde nahe Jerusalem eine Höhle entdeckt, die möglicherweise von Johannes dem Täufer für Massentaufen verwendet wurde. Im Judentum wird die Aufnahme eines Konvertiten nicht nur durch Beschneidung, sondern vor Allem durch ein Untertauchen in der Mikve vollzogen. Im Christentum hat man auf die Beschneidung verzichtet, hielt aber an der Taufe mit Wasser statt. Die sogenannte "Ganzkörpertaufe", wie sie bei Baptisten verbreitet ist, entspricht den jüdischen Ursprüngen des Christentums eher als das Übergießen mit ein paar Tropfen Wasser.

Die klassische Mikve hat Mindestmaße und muss mit Regenwasser gefüllt werden. Einige der ältesten Mikvaot wurden bei Ausgrabungen in Qumran, auf Massada und dem Herodion gefunden. Sie entsprechen in ihrer Form den Mikvaot, wie man sie im Mittelalter in allen Städten mit jüdischer Bevölkerung in Deutschland gefunden hat, etwa in Mainz, Speyer und Worms, aber auch in Frankfurt, und wie sie noch heute gebaut werden.

Weil jüdisches Leben ohne eine Mikve undenkbar ist, wird bei einer Neugründung einer jüdischen Gemeinde als Erstes eine Mikve gebaut. Eine Synagoge ist im Vergleich dazu nur von zweitrangiger Bedeutung, denn letztlich kann jeder Raum in einen Gebetssaal verwandelt werden, sowie sich zehn jüdische Männer zu einem "Minjan", dem täglichen Gruppengebet eingefunden haben. Für die Mikve gelten jedoch genaue Regeln. Deshalb kann sie nicht einfach durch die häusliche Badewanne ausgetauscht werden. Maimonides schließt seinen Kommentar zu den Mikve-Gesetzen mit den Worten ab: ""Unreinheit ist nicht wie Schmutz, der mit Wasser abgewaschen werden kann. Es geht um einen geistigen Befehl, dessen Erfüllung von den Herzensabsichten abhängt."

©Ulrich W. Sahm

 

 

 

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