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Die Geschichte des „Tätervolks“

Jerusalem, 20.01.2004 


Für das Unwort „Tätervolk“ gibt es 7110 Treffer im Internet. Der Erfinder dieses Wortes lässt sich nicht ermitteln. Der CDU-Abgeordnete Hohmann war es jedenfalls nicht, denn der Begriff „Tätervolk“ geistert mindestens seit 1994 auf einschlägigen antisemitischen oder Nazi-Seiten des Internet herum.

1999 hieß es in der „Welt“, dass der amerikanisch-jüdische Verfasser von „Hitlers willige Vollstrecker“ Daniel Goldhagen die Deutschen mit dem Begriff „Tätervolk“ so trefflich „auf den Begriff gebracht“ habe. Doch lange vor Goldhagen schrieb ein gewisser Josef Schüßlburner unter dem Motto „Für die natürliche Wertschätzung unseres Volkes und der deutschen Kultur“ sogenannte „Staatsbriefe“. 1994 bezeichnete er den Satz „Die Deutschen als Tätervolk“ als „konstruierte Werteordnung“ und „Volksverhetzung“. 

Auf einer antisemitischen Schweizer Homepage schreibt 1996 ein Claus Berger, dass der „sogenannte“ Holocaust, den er als „spurlosen Massenmord“ ableugnet, „den Stellenwert einer Religion“ erhalten habe. In seinem ersten ironischen Glaubenssatz dieser „Holocaustreligion“ steht: „Die Deutschen haben als Tätervolk dieses einmaligen Verbrechens ewigen Fluch und Schande auf sich gezogen.“

1999 protestieren ausnahmsweise linksgerichtete „Ärzte gegen Atomanlagen“ gegen eine Beteiligung deutscher Truppen am Krieg in Jugoslawien: „Jedenfalls ist es nur peinlich, wenn Deutsche als Tätervolk sich auf die Opfer Hitlers berufen, gar noch zu dem Zweck, mit den Tornados dort zu bombardieren, wo schon Hitler gewütet hat.“

Im Dezember 2000 redet der revisionistische Historiker Ernst Nolte in Berlin über “Historische Tabuisierungen in Deutschland“: „In seinem Drang, einen fassbaren Erreger und Feind wahrzunehmen, macht Hitler “den Juden” zum “Drahtzieher der Geschicke der Menschheit” und lässt die Juden damit entweder als “Teufel” oder als “Übermenschen” erscheinen. Ganz in der Spur Hitlers bewegt sich unter radikaler Umkehrung der Wertung die heute übliche Entgegensetzung von “Tätervolk” und “Opfervolk”, welche ebenfalls die eigentliche Initiativkraft, die revolutionäre und übernationale Partei, schlicht fort lässt.“ Für Nolte ist „Tätervolk“ offenbar schon gängiger Begriff, der allerdings in der Tradition von Hitlers Denken stehe. So widerlegt dieser Historiker immerhin eine unter rechtsradikalen Deutsche verbreitete Annahme, dass das Wort von einem Juden geprägt worden sei, Bubis, Spiegel oder Friedman, und von jenen ständig den Deutschen vorgehalten werde. Es stellt sich heraus, dass „Tätervolk“ fast ausschließlich von Antisemiten und Neonazis verwendet wird. 

Im Internet wird das Unwort des Jahres sogar schon kommerzialisiert, mit einem Angebot von „Tätervolk“ T-Shirts. 

 

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