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Weihnachten mal ganz anders

Jerusalem, 08.12.2005

 

Das Bedürfnis, in treudeutscher Tradition Heilig Abend zu feiern und Kindheitserinnerungen zu pflegen, verliert sich auch nicht nach einem langen und fast ständigen Aufenthalt in einem Land, wo es zwar eine winzige christliche Minderheit gibt, wo aber die Mehrheit das Weihnachtsfest etwa so wahrnimmt, wie die Deutschen Id el Fidr oder Jom Kippur beachten. 

 Ins düstere Bethlehem zu ziehen, sich erst an Straßensperren vorbeizuquälen und dann durch ausgebrannte Hotelruinen an den Konflikt erinnert zu werden, passt nicht recht zur deutschen Weihnachtstradition. Auch die Anwesenheit der zahlreichen Soldaten, Polizisten und bewaffneten Männer, mal waren es israelische, heute sind es palästinensische, verderben eher die Festtagsstimmung. Die Alternative wären Besuche in den Gottesdiensten der deutschen Kirchen in der Altstadt Jerusalems oder auf dem Zionsberg. „O Tannenbaum“ auf Arabisch oder Hebräisch klingt zwar genau so wie das deutsche Original, aber irgendwie fehlt auch da der heimelige Geruch von Spekulatius und Zimtgebäck. 

Bei den Keksen beginnt schon das Problem. Entweder verzichtet man auf Stollen und Heidesand, oder man bäckt es selber. Die Förmchen für Spekulatius sind zwar nirgendwo erhältlich, aber das Endprodukt schmeckt fast genau so nach Zimt, Kardamom und Nelken, wie das, was man in Deutschland in jedem Supermarkt erhält, ohne sich große Gedanken zu machen. Heimweh drückt sich übrigens im Ausland vor allem an den lächerlichen Kleinigkeiten aus, am Lebkuchen, der an Weihnachten fehlt.

Weihnachtsbäume werden vom Staat Israel kostenlos verteilt. Doch wie kann man Weihnachten richtig feiern, wenn die enge Familie nur aus drei Personen, zwei Hunden und einer Katze besteht, während alle anderen in Deutschland sind. Anders als in Deutschland, wo die Menschen unter sich bleiben, muss man in Israel eben „Fremde“ einladen, die besten Freunde. Doch was tun? Es sind entweder Moslems oder Juden. Einer ist in der Schweiz aufgewachsen, eine stammt aus Dänemark. Eine Familie war mal im diplomatischen Dienst. Der Moslem in der Runde hatte mal in Berlin studiert und sich als Weihnachtsmann ein Taschengeld verdient. Nicht einer von ihnen hatte jemals ein echtes familiäres Weihnachtsfest erlebt.

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„Ich kenne das nur aus Filmen“, meinte der Zahnarzt, der in der Schweiz aufgewachsen ist. Und die dänische Journalistin sagte: „Wir Juden hatten in Kopenhagen an Heilig Abend zwar Freunde zum Essen eingeladen. Wir haben auch gefeiert, aber absolut keine Ahnung gehabt, was die Christen  eigentlich in ihren Heimen taten.“ So sahen sie zum ersten mal einen geschmückten Weihnachtsbaum und ließen mit viel Lachen und gleichzeitiger Neugier die ganze Zeremonie über sich ergehen.

 

Xmas0008.JPGEs begann natürlich mit einer Lesung aus Lukas. Nicht die ganze Weihnachtsgeschichte und das nicht einmal in einer Sprache, die alle verstanden, also Englisch oder Hebräisch, sondern auf Jiddisch. Diese fast ausgestorbene, dem Deutschen sehr nahe Sprache mit Hebräischen Einsprengseln klingt schon fast wie ein Witz. Um nicht in den wenig ernst gemeinten „Verdacht“ zu geraten, Missionieren zu wollen, wurde danach ein Text aus einer mittelalterlichen jüdischen Streitschrift verlesen. Es existieren köstliche jüdische Parodien auf das Neue Testament. So etwa ein Text des berühmten Rabbi Radak. Bei allen Tieren sei es so, dass das Neugeborene da herauskomme, wo der Samen hineingegangen sei. Wenn also der Engel Gabriel der Maria verkündet habe, dass sie Schwanger sei, so müsse man davon ausgehen, so der alte Text, dass wohl das Jesuskind durch das Ohr Marias auf die Welt gekommen sei, „da wo der Heilige Geist mit den Worten des Engels in sie eingedrungen sind“.

Ein völlig neues Lebensgefühl, das auch die jüdischen wie muslimischen Gäste in kleine Kinder verwandelte, so wie es in Deutschland geschieht, war die Zeremonie des Geschenke Verteilens. Jeder war zuvor aufgefordert worden, seinen Kindern oder Partnern eingepackte Geschenke mitzubringen. Eines der Kinder wurde gerufen, die unter dem Baum liegenden Geschenke zu verteilen. Selbstverständlich mussten sich vor allen Anwesenden ausgepackt und bewundert werden. So kann man mit den kleinen Tricks des weihnachtlichen Zeremoniell eine Stimmung schaffen, wie sie in deutschen Heimen selbstverständlich ist.

 

Eine jungverheiratete Jüdin, mit ihrem Mann und Kleinkind gekommen, forderte: „Ich will jetzt jedes Jahr zu Weihnachten eingeladen werden. So etwas Tolles hab ich noch nicht erlebt.“ Angesichts des Weihnachtsbratens aus dem für Moslems verbotenen und den Juden unkoscheren Schwein, meinte sie: „Ich hatte noch nie die Gelegenheit, das zu probieren. Es soll nicht schlecht schmecken.“ Der strafende Blick ihrer klein wenig frommen Mutter störte sie nicht weiter. „Es ist doch Weihnachten...“ lachte sie.

Ulrich W. Sahm

Abgebildet ist unsere kostbare Krippenfigur, die ich letztes Jahr in Haifa entdeckt und erstanden habe.
 
Sie ist aus echtem Plastik, made in China. Das Jesuskind in der Glaskugel, nicht als Astronaut, sondern wenn man es schüttelt, dann rieselt der Schnee, was dem unbekleideten Jesuskind gesundheitlich sicherlich nicht gut bekommt. Das Viech zu Füßen von Maria scheint ein Androginos aus Esel und Ochse zu sein und hat gewisse Ähnlichkeit mit unserem Hund Mefisto.

 

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